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Neue jüdische Monatshefte · 1919-10-25 · Heft 2-4 (25.10.1919) · p. Seite 67

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 2-4 (25.10.1919)
Article
Inhalt und Form
Date
1919-10-25
Page
Seite 67 (sequence 1)
Language
German
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67 Inhalt und Form Von Joseph B u d k o > Berlin enn ich der Aufförderung nachkomme, einen Beitrag zum „Jüdischen Buch" iu liefern, so muss ich unwillkürlich an ein Gespräch denken, das ich vor einer Reihe von Jahren mit einem alten Juden Tiattc. Ich war 'damals in meinem Heimatstadtchen in Polen, um Studien an Judenköpfen 'zu machen, Ein alter Freund meines Vaters kam zu uns, um meine Arbeiten anzusehen. Er betrachtete sie aufmerksam und schweigend, und mit Ungeduld erwartete ich eine Acusscrung des Alten, der ja 'stets nur über den Talmud gegrübelt hatte. Nach einer Weile begann er: „Höre, mein Sohn, Rabbi Mcir "^pTfegte zu sagen: ,Betrachte nicht den Krug, sondern das, was in ihm "enthalten ist." An diesen Spruch solltest du bei deiner Arbeit denken. Wenn ich mir hier deine Judenköpfc ansehe, so scheint es mir, dass du nur den Krug betrachtet hast und nicht seinen Inhalt. Und der Inhalt ist doch das Wichtigste, denn ,mancher neue Krug ist voll alten Weines, und es 'gibt manchen alten Krug, in 'dem nicht einmal neuer Wein enthalten ist/ Wenn du nur den Judenkopf darstellst, zeigst du uns auch nur, wie der Jude aussieht, und zwar der Jude von heute. Du vergisst ganz und gar, dass es deine Aufgabe sein muss — wenn Üu dich- Jüdischer* Künstler nennen willst —- den Inhalt des Judentums, seine Grösse und Stärke, zu versinnbildlichen. Das Gesicht des Ghettojuden aber, das du dir zum Thema wähltest, erzählt uns nichts davon, sondern nur von Qual, Leid, Kummer und Sorge. Gehe ins Bethhamidrasch, nimm dir den Tnach, den Midrasch, die Gemoro vor, vielleicht begreifst du dann, welche Aufgaben du dir zu stellen hast." Erst nach Jahren verstand ich, weshalb mich der alte Jude ins Bethhamidrasch geschickt hat. Ich verstand, dass der jüdische Künstler seine Aufgabe als solcher erst dann erfüllen kann, wenn er das Wesen des Judentums empfunden hat. Und das kann er nur, indem er sich in die alten Schriften vertieft. Er wird dann begreifen, dass es nicht genügt, den Ghettojuden darzustellen, — mag er noch so tief erfasst sein, dass man behaupten würde, nur ein Jude könnte es geschaffen haben. Man wird dann zugeben müssen, dass er ein guter Künstler ist, aber noch nicht das Ziel des jüdischen Künstlers erreicht hat. Einen jüdischen Künstler werden wir denjenigen nennen, der jüdische Art »n seinen Werken aufweist. Und diese kann nur dann entstehen, wenn man im Geiste des alten Judentums arbeitet, denn die Form, die den Inhalt dieses Judentums birgt, wird — gleich dem Inhalte — eine jüdische Form sein. Ohne Inhalt — keine Form, ohne jüdischen Inhalt — keine jüdische Form. Wenn der Künstler vom Judentum durch die alten Schriften erfüllt und von deren Geist beseelt ist, wird ihm die Erde Erez Israels sein jüdisches Empfinden vertiefen und beleben. Er wird dann, wenn er den heimatlichen Boden betritt, im Geiste seine Väter wandeln sehen. Und dann wird er nochmals den Tnach öffnen und wird jenen inhaltsvollen Stellen, die

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