Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 2-4 (25.10.1919)
- Article
- Die Zenne Renne
- Date
- 1919-10-25
- Page
- Seite 59 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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59 Dazu .gesellen sich nun noch die Manses, die, oft mit der Einleitung „'der Midrasch sogt ain Maase . . zur Erhellung des Schriftworts hergeholt werden: von Abraham, unter den Götzen seines Vaters; von der Buhlerin und dem frommen Jüngling; von dem abenteuerlichen Fisch; von Nachum Gamsu; und gar viele andre. Aber genug ists geleint. Die Grossmuttcr hat das Buch zugeklappt; sie schaut nach dem Himmel und schickt sich an, Ledowid boruch zu singen. Mir aber sieigt eine Frage auf, die zugleich eine Anregung sein könnte: Von unserm Golusschicksal, das denn doch nicht nur als ein Irrtum der Geschichte zu betrachten ist, untrennbar ist dieses Buch. Aber die alten Ausgaben sind selten und schwer zu errangen. Wie wäre es, wenn einer unsrer jüdischen Verleger einen (vielleicht gekürzten) Neudruck unternähme? — Mir deucht, es gäbe manches Haus, wo Frauen und Kinder sich der Gabe erfreuen und gerne an die Kette sich reihen würden, welche Zenne Renne um Geschlechter jüdischer Frauen schlingt. Zur Apologie meines Vaters*) Von Dr. Elias H u r w i t z , Berlin eh. J. Hurwitz steht wohl als der umstrittenste jüdische Schriftsteller da. Die Zahl seiner Bewunderer ist ebenso gross wie die seiner Gegner. R. Brainin nannte ihn neuerdings in seiner (in einer jiddisch-amerikanischen Zeitung veröffentlichten) Galerie zeitgenössischer jüdischer Schriftteller auch im inneren Sinne die merkwürdigste Figur der jüdischen literarischen Welt. All diese Widersprüche zu erklären und zu überbrücken vermag nur eine sich einfühlende psychologische Analyse, besonders wenn sie von einein Nahestehenden herrührt, dem die Zusammenhange des Literarischen mit dem Menschlichen nicht, verborgen blieben. Sie wird vielkicht auch nicht ohne mildernde Wirkung auf die Intoleranz sein, an der mein Vater viel zu leiden hatte, die den Juden von jeher im Ucbermass eigen war und die freilich in diesem Fall einen besonderen Anlass fand, sich zu entzünden. fc:s wird sich also nicht darum handeln, seine Werke chronologisch und systematisch im einzelnen durchzugehen, sondern die seelischen Triebkräfte und Grundtendenzen seines geistigen Schaffens zu erfassen und sie an den Werken nur zu illustrieren. Seine Jugend verleugnet nicht die Tradition^ einer Familie, die einen Schelah zu ihren Vorfahren zählt. Er ist ganz und gar dem jüdischen Wissen hingegeben. Dabei erwachen schon sehr früh seine schritfstcllerischen Neigungen. Im Alter von etwa 10 Jahren verfasst er bereits einen Grundriss der hebräischen 'Grammatik, Die verschiedenen Gebiete des jüdischen Wissens bleiben der Born, aus dem er stets schöpft. Das prägt sich auch in seinem Stil aus: im Gegensatz etwa zu dem klassisch-ruhigen Mischna-Stil Achad-Haams — man kann bei diesem Vergleich wirklich sagen: le style c'est Fliommc — ist seine Sprache bald biblischbilderreich, bald geradlinig logisch nach Art des Mischnastils, bald gewürzt *) Dien nachfolgenden Beitrag hat Herr Dr. Elias Hurwitz auf Wunsch der Redaktfan für das Sonderheft „Das Jüdische Buch" verfasst. D. Red.