Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 2-4 (25.10.1919)
- Article
- Jüdische Bibliotheken im Lande Israel
- Date
- 1919-10-25
- Page
- Seite 42 (sequence 1)
- Language
- German
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42 Jüdische Bibliotheken im Lande Israel Von Heinrich Loewe, Berlin |f m Vordergrunde des jüdischen Bildungsprobiems im Lande der natio- I nalen Zukunft unseres Volkes steht heute die hebräische Sprache. Ihre lebendige Entwicklung zur Volkssprache, nachdem sie jahrhundertelang nur die Kultur- und Literatursprache neben einer vulgären Familienspraclie war, ist eines der Wunder der Weltgeschichte. Sie beweist damit, dass sie niemals tot war, dass sie sich aber in einem Zustande befand, der de oberflächlicherer Forschung als tot erscheinen liess. Nun ist sie von ihrem Scheintode erstanden und^hat sich so schnell von ihrem traumhaften Zustande erholt, dass sie dabei ist, in ganz kurzer Zeit alle die Lücken auszufüllen, die ihre lange Trennung vom lebendigen Volksleben ihr geschlagen hat. Aber es wäre unrichtig zu glauben, dass mit der Netibelebung und Ausbreitung, mit der Vertiefung und Bereicherung der hebräischen Sprache das hebräische Bildungsproblcm erschöpft wäre. Im Gegenteile: hiermit beginnt ejrst die Bildungsaufgabe des Volkes, für die die kernhafte Sicherung der-hebräischen Sprache als Allgemeingut des jüdischen Volkes, zuerst einmal in Palästina, die Vorbedingung ist. So lange das jüdsdu* Volk als eine erkennbare Einheit existiert, hat es in den vordersten Reihen der gebildeten Völker gestanden. Schon die aramäischen Beduinen, von denen sich der hebräische. Wanderstamm loslöste, gehörten zu den Halbbeduinen, die mit den hohen Kulturen des alten Orients in Babylonien und Aegypten in lebhafter Wechselwirkung standen. Mit vollem Bewusstsein überwanden sie die Weltanschauung dieser Kulturvölker durch eine höhere Einsicht und wurden'dadurch, zu jener unzerstörbare!) Kulturcinheit, die noch heute das jüdische über alle Länder zerstreute Volk zusammenhält. Seit dieser Zeit standen die Israeliten, Hebräer oder Juden, oder wie man sie nennen mag, immer In der Reihe der Kulturschicht, die dem vordersten Treffen angehörte. Bei der heutigen Umbildung der Nation, bei ihrer Verschiebung um ganz neue geographische und wirtschaftliche Mittelpunkte, bei ihrem völligen Wechsel in der Sprache muss Bedacht darauf genommen werden, dass nicht bloss das jüdische Denken und Fühlen im Mittelpunkte ihres Seelenlebens bleibt, sondern dass am Ende dieses Umbildungsprozesses das Jüdische Volk wiederum in der vordersten Reihe der schaffenden Kulturvölker zu stehen kommt. Das Bildungsproblcm hebt also mit dem -neuen Leben der hebräischen Sprache an. Es wird auch wieder nur in der hebräischen Sprache ausgefochten werden. Aber es hat damit keineswegs sein Zfeff erreicht. Der Prophet des Islams hat das jüdische Volk ein Volk des Buches genannt. Zwar hat er dies Wort keineswegs in dem Sinne gebraucht, in dem es gewöhnlich .angewendet wird. Aber das von ihm gemeinte Buch, . die Thora, oder auch das T'nach, ist doch das jüdischste Buch der Weif, ,;ist das Werk, das dem ganzen Volke durch die Jahrtausende Richtung und Farbe, verliehen. Aber wenn sich auch die grosse jüdische Literatur um dieses Werk gruppiert, so wäre es verkehrt, darum übersehen zu wollen, dass dieses heute einheitliche Werk letzten Endes doch der Rest eines grossen Schrifttums ist, das uns zum weitaus grossten Teile leider unrett-