Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 1 (10.10.1919)
- Article
- Rasse und Kultur
- Date
- 1919-10-10
- Page
- Seite 12 (sequence 2)
- Language
- German
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12 und. in der Wechselwirkung mit anderen von ihr verschiedenen Eigenarten das hervorbringt, was wir „Kultur" nennen. Wäre Gobineau ein streng! wissenschaftlich denkender Geist gewesen, so hätte er erkennen müssen, dass er nur Probleme aufrollte, neue Fragestellungen gab (und 'das wäre verdienstlich genug gewesen!). Denn eine mühsame vieljährige Forschung musste nun erst feststellen, was Rasse ist, welche ihrer Eigensthaften erblich, welche erworben oder zufällig sind, und ob die Kulturleistungen einer bestimmten historisch gegebenen Bevölkerungsgruppe auf einzelne in ihr vorhandene Rassen einschlage oder vielmehr gerade auf deren Mischung zurückzuführen sind, ob Milieu und Kulturübernahme entscheidende oder nur nebensächliche Bedeutung für die Erzeugung neuer Kultur besitzen. Aber G o bi ne au s universaler und dilettantischer, von dichterischer Phantasie beflügelter Geist wollte mehr geben: ein an sich geschlossenes und auf den Geschichtsablauf direkt anwendbares gesdikhtsphilosophisches System. So entstand die „Rassentheorie"; ein unzweifelhafter Fortschritt gegenüber Herder, Hegel und Twesten, denen die geschichtliche Entwicklung nur ein äusserer Ausdruck von immanenten Ideen und feesetzmässig wiederkehrenden Analogien war; gleichzeitig aber war die Rassentheorie doch nur wieder Ausgangspunkt einer neuen Dogmatik, die um so krasser und intoleranter wurde, je weniger tragfähig ihre Grundlagen, je weniger ausreichend ihr Tatsachenmaterial gegenüber den Fortschritten wirklicher Wissenschaft waren. Die Rassentheorie rechnet mit der Rasse als einer* gegebenen einfadiers Grösse, obwohl es bei eindringender Betrachtung der historischen Tatsachen immer zweifelhafter geworden ist, ob es eine „reine Rasse" in diesem Sinne je gegeben hat, wenigstens soweit die Geschichte zurück, reicht. Für öobineaus System ist es nun eine grundlegende These, Idass es liöher und ^minder begabte Rassein gibt; eine für den Ideenaufbau (neben-. sachliche, aber für die praktischen Anwendungen des Systems natürlich sehr wichtige, dass die höchste und edelste Rasse die „germanische" ist. Es ist nur eine natürliche Folge des wenig wissenschaftlichen Aufbaues der G o bi n e a u* sehen Rassentheorie, dass nicht in erster Linie ernste Forscher, sondern Dilettanten sich ihrer bemächtigten, und dass nidht der fruchtbare Grundgedanke, sondern gerade die Germanentheorie * von ilmen ausgebeutet wurde. (Aehnlich ist es ja dem „Darwinismus" gegangen, dessen gewaltiger Grundgedanke von der Entstehung und Entwicklung der Arten ein wissenschaftliches Problem geblieben ist, während für den Laien die an sich nebensächliche Frage von der Abstammung des Menschen, die „Affentheorie", zum Angelpunkt des Ganzen wurde.), Hatte der geniale Schöpfer der Theorie, der, selbst Franzose, dem Germanentum die Palme reichte, anderen Kulturrajssen, insbesondere den „semitischen", noch einigermassen Gerechtigkeit widerfahren lassen, so überboten sich seine Nachbeter, engere und voreingenommene Geister meist aus Deutschland (darunter so germanische Namen wie Laponge und Chamberlain) in einer kritiklosen Verhimmelung alles Germanischen und einer wüsten Herabsetzung* und Beschimpfung aller anderen Rass'en. Den einzigen — allerdings methodisch sehr schwachen — Versuch, die Germanentheorie wissenschaftlich zu fundieren, machte Wolt-