Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 1 (10.10.1919)
- Article
- Die neutralen Juden und die Weltpolitik
- Date
- 1919-10-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 resia gegen die von ihr beabsichtigte Ausweisung der Juden a*rs Prag: veranlasste, wie auf seine Veranlassung später der holländische Gesandte Calcoen sich der gefolterten und beraubten Juden Krakaus gegenüber der Warschauer Regierung annahm, so ist jetzt ein Entrüstungssiunn durch das? ganze Land gegangen, als die Greueltaten der polnischen Po groüns bekannt winden. Und lauch sonst wachst der Zwang, sich mit den östlichen Verhältnissen, zu beschäftigen, befinden sich doch; zahllose Pogromflüchtlinge im Lande, für die gesorgt werden muss, deren Weitertransport nach Amerika mit .vnausbfeiblicher Notwendigkeit gefordert wird. Daneben süeht man das iErend der hungernden Länder in Mitteleuropa aus eigenster Anschauimg. In jeder Woche kommen hunderte von untereinahrten Kindern aus .Deutschland und Oesterreich' hierher, um neue Kraft zu sammeln. Alle diese Dinge haben einmjaü eine! starke antipolnische Stimmung im iLande bewirkt, sodann aber auch' die Wieder« anknüpfung nach dem- Osten hin gefördert. Allmählich lernt man auch die Verhältnisse in Deutschland gerechter beurteilen, als das während des Krieges mehrfach der Fall gewesen ist Die Gewaltfrieden von Versailles und St. Germain haben arg verstimmt Freilich steht einer freundlicheren Stimmung für Deutschland entgegen, dass die Zeitungen gefüllt sind mit Nachrichten .über die ProgrornStimmungen im deutschen Heer tund in Berlin. Der holländische Jude ist stolz tauf seine völlige Gleichstellung, .die ihm gestattet, jedes Amt im Staat zu erreichen, und 4z£ niederländische Volk ist vielleicht eines der tolerantesten der Welt. Nie habe ich1, selbst beüm Besuch' der Judenviertel Amsterdams, in denen doch eine für den blonden, ruhigenj Heilande? recht fremdartige Menge zusammen wohnt, irgendwelche Zeichen von Antisemitismus oder auch nur die Geltendmachung irgendwelchen Ueberlcgezs» heitsgefühls seitens der christlichen Bevölkerung beobachten können. Das Fremdartige wird als eine selbstverständliche Eigenart der anderen Rasse hingenommen. Und bei der durchschnittlich grossen Frömmigkeit der •Landbevölkerung wird auch die. Ausübung, religiöser Gebräuche und ritueller Vorschriften, wie z. B. der absoluten Sabbathheiligung seitens der jüdischen Masse durchaus respektiert. So erscheint dem Holländer das Vorgehen gegen die jüdische Bevölkerung anderer Länder fast unverständlich, und er begreift nicht, das!s in einem hochkultivierten Lande wie in Deutschland Dinge möglich sind, die ihm als abnorme Rückständigkeit erscheinen. Freilich hat er aus seinen eigenen Verhältnissen und seiner eigenen Staatsstellung heraus nur sehr mangelhaftes Verständnis für die Autonomie-Bestrebungen der östlichen Judenheit und auch Tür den Zionismus. j Anders liegen meines Erachtens 'zum Beispiel die Verhältnisse In der Schweiz. Dort gibt es überhaupt kaum ein bodenständiges Judentum. Die Schweizer Juden $ind fast durchweg .aus Baden, dem EEsass, zum Meinen Teil auch aus Frankreich eingewandert. Alt eingesessene Jugendgemeinden existierten früher fast.nur in einigen Dörfern der Nbre£* Schweiz, z. B. in Endingen. Die ganze grosse Basler Gemeinde ist ausländischer Herkunft, ebenso die von Zürich. Die Juden haben in der Geschichte des Landes nur eine unerhebliche Rolle gespielt, keinen polits-