Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1919)
- Article
- Jüdische und europäische Politik
- Date
- 1919-09-10
- Page
- Seite 502 (sequence 7)
- Language
- German
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Trager Jeder Art Chauvinismus. Sie waren die patriotischsten Deutschen, dia fanatischsten Tschechen, die rabiatesten Magyaren, die heuchlerischsten Polen. Eine spätere Geschichtsschreibung wird festzustellen haben, - wie Viel von der unselige^ Völkerverhetzung der Zeit vor dem Kriege auf ihr Konto zu setzen ist. Seitdem die jüdische Politik national, d. lh jüdisch ist, {geht sie nicht mehr auf Trennung und Isolierung, sondern;auf Ueberbrückung und Zusammenfassung. Jeder föderative Zusammenschluss stärkt die Position der'Minoritäten, also audi der Juden1)« Dazu, kommt, dass auch die wirtschaftliche Struktur vdes europäischen Judentums mit seinem starken Ueberwiegen der 'Handels- und Verkehrsberufe dringend auf Internationalisterung des lebens angewiesen ist. Niemand leidet unter der Nationalstaaten so unmittelbar wie der Kaufmann, und nieimand spürt die Grenznahe so sehr wie grade der jüdische Kaufmann, der durch Verwandtschaft und 'Bekanntschaft, als Folge des jüdischen Wanderphänomeiis, fast überall Stützpunkte hat, von denen er abgeschnitten wird. Und noch eins wäre zu erwähnen: es entspricht dem Wesen der Juden, dass Sie lieber im Dienste der Liebe als in dem des Hasses stehen. Festverwurzelt im Boden uralter Tradition sind ihnen die Worte von der Völkerverbrüderung mehr als Buchstabenhäufung. Manche geben sich ihnen mit religiöser Inbrunst hin, manche glaube sie mit theatralischer 'Aufmachung und pompöser Verkündung verwirklichen zu können. Doch die Welt 'lä'sst sich nicht mit Sentiments aus den Angeln heben. Verfcv/eiflungsvolle Depression Ist für den, der solchen Glauben besass> die FoJge unausbleiblicher Erkenntnis. Hier aber zeigt sich ein Weg, den Geist mit der Realität zu einein. Finden sich die Juden Europas jzur einmütigen jüdischen Politik zusammen, so werden sie wissen, dass sie, •und zunächst fast nur sie, sich ganz in den Dienst derjenige^ Prinzipien ©teilen können, die wie Personalautonomie, Minoritätenschutz, Nationalitätenbund und Kontinentalpolitik nicht nur Europa aus seiner Schande emporführen, sondern auch altjüdischer Hoffnung auf Völkerve^söhnung und Völkerverbrüderung nahe kommen werden. *) Darum waren die Nationaljuden in Oesterreich-Ungarn Träger des zentralistischen Gedankens. Ebenso vertritt die Wiener Morgenzähmg, das nationaljüdische Tageblatt, die föderative Idee und hat sich darum von Anfang an der von deutschchauvinistischer Propaganda begleiteten, von nationalistischem Hochmut beherrschten Anschlusspolitik Otto Bauers gegenüber sehr reserviert Verhalten. Als erste Zeitung in, Wien iiat sie Bauer selbst um dieser Politik willen scharf bekämpft — ohne Rücksicht ■ darauf, das'damals 'noch jeder leise Zweifel an der Richtigkeit dieser Politik gradezu als nationaler Verrat gebrandmarkt" wurde. Lasigsam erst und unter dem Drack von Paris aus schwenkten dann die anderen Blätter ein und als Baue rendlich zurücktrat, fand sich kein Blatt, da:. Hin betrauerte. Charakteristisch ist, dass die Hauptträo-er dieser vorehigen. dilettantisch betriebenen und 'für Oesterreich wie für Eteutschfcttd Eteicnermassen folgenschweren Politik drei deutschchauvinistische Assi- ^aiionstüüeii waren: Der Staatssekretär des Aeusseren Otto Bauer, Gasantue in Eerim -Dr. Ludo Hart mann, und der (getaufte) Cüevreaakteur der sozialdemokratischen Arbeiterzeitung, Austerlitz.