Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 22 (25.8.1919)
- Article
- Max Brod
- Date
- 1919-08-25
- Page
- Seite 489 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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487 Dichter? Wir alle — wir modernen Juden, wir'Enk-el? Wie sprechen wir zu unserer Nation? Spricht das Volk zu uns? Zuweilen erwacht in uns aber doch das Verlangen, aufzuhorchen, hineinzulauschen in das grosse, alte und ewig junge Herz unseres Volkes und ihm Rede zu stehen. Es spricht aus uns dqr Geist der Ahnen wie aus dem Traum, gleichsam ein Ermahnender redet aus uns und zu uns und zwingt uns, verirrte, entwürdigte Machkommen eines ungeheuren Volkes, zu ihm andächtig erschauernd zurückzufinden. Bereit sein, ist alles, so klingt es aus vielen Versen Brods, der, unbewusst oder bewusst, ein Jünger des zu früh verstorbenen H e r z i ist. Wie rührend, hinreissend wirkt es, dass der Dichter im dreissigsten Lebensjahre die Sprache seines Volkes zu lernen beginnt. Vorbereitung ist edles Beginnen, wenn auch schweres Bemühen. Aber [erlahmen darf man nicht. Ein ganz vergessener Hörruerscha 11 und unseres alten Gottes Zuruf vom Gebirge beseeligt uns bald und führt uns heim in das Gelobte Land, zu uns selbst. Den Heimweg betritt Max Brod in dem jüngsten Roman: Das grosse Wagnis. Dieser visionäre Roman, eine Dichtung im Oolemstile wird dem Verfasser den Vergleich mit Meyrink einbringen. Wie keines seiner bisherigen Bücher eignet sich dieses zu v einem Sensatioriserfolg, obwohl das Aktuelle, der Weltkrieg, auf dessen Hintergrund Brod seine Phantasien und grandiosen Erfindungen hinstellt, vorüber ist. Eine zweite Aktualität liegt nämlich in des Werkes Schale wie ein Wunderkern Eingebettet, die brodelnde Bemühung rascher Köpfe, entzündeter Gehirne, entfesselter Herzen um die Aufrichtung eines neuen Gesellschaftsbaues, einer neuen Weltordnung. Dass dabei nur Unordnung, Chaos, Verwirrung und Zusammenbruch herauskommen, zeigt uns der Dichter mit hellem Verstand. Die Anspielungen auf das Judentum sind organische Bestandteile des Ganzen. Man fühlt, Brod hat diese Dichtung aus seinem Herzen herausgeholt. Ein Versteckenspielen kennt dieser aufrechte Jude nicht. „Jawohl ich bin ein bewusster Nationaljude", scheint er zu sagen, „und habe die Pflicht so zu schreiben, wie fein Jude schreiben soll/' Aus der Welt des jüdischen Volksliedes Eine Selbstanzeige Von "Fritz Mordechai Kaufmann, Berlin Wenn ich hier zwei von mir herausgegebene Büchlein, die das Volkslied der Ostjuden zum Gegenstand haben, selber anzeige, so geschieht das nicht aus Autoreneitelkeit, sondern nur, weil kompetente Leute in diesen wie in allen östlichen Dingen so selten sind. Kompetente — das sind solche, die'nicht etwa wie Roskin, Zepler und häufig auch Nadel unsere Volkslieder lediglich als Objekt für sehr anfechtbare kompositorische Versuche ansehen, sondern die vom lebendigen tagtäglichen Singen her die uneriässliche intime Beziehung dazu fanden und nun, überwältigt von der Anmut und Lieblichkeit dieser grossgestaltcten Gesänge, nicht anders .können, als schlicht und doch wie Liebende davon auszusagen. Man