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Neue jüdische Monatshefte · 1919-08-25 · Heft 22 (25.8.1919) · p. Seite 477

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 22 (25.8.1919)
Article
Jüdische Politik
Date
1919-08-25
Page
Seite 477 (sequence 5)
Language
German
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475 denen man sich heute schwer eine Vorstellung machen kann. Und nur wenige waren es, die kühl und nüchtern prüfend abseits standen und gegen den Strom der Zeit schwammen. Diese kühlen und ruhigen Beobachter, die sich nicht hinreissen liessen, mag man nicht besonders freundlich angesehen haben. Sie hatten „kein Herz für das Leiden ihres Volkes", sie „fielen ihm in den Rücken", waren sogar die „Volks- Verräter", die sich von der jüdischen Sache trennten und kurzsichtig „sich selbst dem allmählichen Untergang weihten". Und doch hat die Weltgeschichte anders entschieden! Denn in Wahrheit sind sie die guten Juden gewesen! Wir wollen nicht in den Fehler, den wir tadeln, verfallen und uns nicht überheben, aber .wir überlassen mit gutem Gewissen die Entscheidung über unser Tun der Weitgeschichte. Wir bekennen uns froh und fest zur ewigen Einheit des religiösen Judentums, und den Vorwurf, dass die Ablehnung des nationalen Gedankens die Einheit gefährdet, weisen wir als ein hohles Schlagwort zurück. S c h 1 u s s Die Politik der nicht zionistischen Mehrheit der deutschen Juden, die auf einzelnen Gebieten beleuchtet worden ist, bietet kein erfreuliches Bild, weil man auf Schritt und Tritt die Abhängigkeit von der nationaljüdischen Phraseologie verspürt. Wenn nun hier mit der Hoffnung geschlossen wird, dass an die Stelle dieses Untertanenverhältnisses völlige Freiheit trete, wenn damit eine reinliche Scheidung und Entschiedenheit wie Selbständigkeit im Verhalten der Nichtzionisten verlangt wird, so ist ganz gewiss nicht die Sehnsucht nach Trennung und Kampf der Vater dieses Wunsches. Klarheit und Wahrheit sind eben die beste Grundrage einer echten Synthese, und es liegt schon etwas Richtiges in dem paradoxen Worte, dass man sich gründlich und ehrlich geschieden haben muss, um sich grundlich, ehrlich und dauernd vereinigen zu können. So bedrohlich auch die Kämpfe heute erscheinen, so nahe die Spaltung oft zu sein scheint, so bitterböse sich die Parteien bekämpfen und verketzern, man darf auf eine Einigung und eine Versöhnung hoffen, solange man an die Kraft der religiösen Idee glaubt. Schwächliches Kompromisseln und ein Wettrennen mit Schlagwörtern, um die Gunst der Massen zu erringen, ist allerdings nur geeignet, das Ziel in welt1abgeschiedene Fernen zu rücken, weil auf diesem Wege die Ueberhebung des stärker sich dünkenden Teiles vermehrt und sein Unfehlbarkeitsglaube nur verewigt wird. Reinliche Scheidung und ein ruhiges Durchfechten der Gegensätze ist die beste Vorbereitung für einen künftigen Ausgleich, der nur auf dem einzig wirklichen jüdischen Boden, auf dem der Religion stattfinden kann. Und die beste Politik, die am schnellsten zur ersehnten Einheit führt, besteht darin, dass die antizionistische Mehrheit innerlich das wird, was sie zu sein vorgibt, indem sie nicht nur ein Religionsjudentum bekennt, sondern ein festes innerliches Verhältnis zur Religion erwirbt!

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