Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 22 (25.8.1919)
- Article
- Jüdische Politik
- Date
- 1919-08-25
- Page
- Seite 474 (sequence 2)
- Language
- German
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472 der aber Vereine jeglicher Richtung umschJtesst, orthodoxe, konservative, nationaljüdische, liberale, deutschjüdische und welche Schattierungen man noch zu ersinnen vermag. Gegenwärtig aber wälzen wir die Neutralität auf den einzelnen Verein ab, und dieser kann ihre Forderungen nur erfüllen, "wenn er sie wiederum dem einzelnen Mirgiiede zur Pflicht macht. Radikale Nationaljuden und radikale Liberale kann ein solcher Jugendverein nicht gebrauchen. "Die Folge davon ist ein auf Moll gestimmtes Judentum, das recht u n juge nd I i c'h ist. Aber auch sehr unwirksam! Denn die gedämpfte Stimmung der in Neutralität getauchten Seele ist recht wenig zur energischen Durchführung grosser Forderungen geeignet. Setualethische Gebote — um ein in neuster Zeit häufig behandeltes Thema herauszugreifen — werden bestimmt eindringlicher wirken, wenn hinter ihnen bei der orthodoxen und liberalen Jugend die Autorität des Gotteswortes, bei der nationaljüdischen die der Volksreinheit steht, als wenn sie im Namen einer verschwommenen allgemeinen Lebensanschauung erhoben werden. Es muss der sehr geschickten Leitung des neutralen Verbandes zugestanden werden, dass sie % ihre schwere Aufgabe erfüllt und die Neutralität durchgeführt und aufrecht erhalten hat. Und doch wollen die Klagen, über den wachsenden nationaljüdischen Einfluss nicht verstummen! Es ist das aber auch gar nicht zu verwundern, stellt doch die iViasse der auf indifferent jüdischer Basis geeinten Jugend das beste Agitationsfeld für den Zionismus dar, der mit seiner vorbildlichen Werbeorganisation allen anderen Richtungen weit voraus ist. Darum hat auch der Zionismus in Wahrheit ein nicht kleines Interesse an dem unveränderten Fortbestehen des neutralen Prinzips in seiner gegenwärtigen Gestalt. Denn in ausgeprägt orthodoxen oder liberalen Vereinen wie in Centralvereinsjugendgruppen wird er. fast nie agitatorische Erfolge erzielen können. Und aus diesem Empfinden ist auch der heftige Widerstand zu beurteilen, den man in jenem Lager gegen die Zusammenfassung aller Jugendgruppeh zu einem losen Verbände — den ersten Schritt zur Herbeiführung einer Neutralität im höheren Sinne — entv/ickelt hat. Die deutschen Juden, die in ihrer Mehrzahl sonst scharf Partei nehmen, achten in der Jugendbewegung sorglich auf jene Neutralität, die dem Zionismus die beste Gelegenheit zur Propaganda bietet, Man ist dabei so weit gegangen, dass man aus Besorgnis vor dejm Miosfallen der Zionisten sogar gegen Selbstverständlichkeiten aufgetreten ist. Nur so ist es zu verstehen, dass sich ein Kampf gegen die Aufnahme des vaterländischen Prinzips entwickeln konnte, gegen das doch keiner an sich etwas einzuwenden haben konnte zumal ihm ja auch die Zionisten wenigstens zu 50 Prozent auf! «Grund der „Zweivaterlandstheorie" zustimmen müssten. Die gesunde Vernunft hat gewiss gesiegt. Man hat erkannt, dass Neutralität nur bei der Stellung; zu innerjüdischen Problemen in Betracht kommt. Die neutralen Jugendvereine haben sich, indem sie das Bekenntnis zu den reinste« Grundsätzen des Patriotismus ablegten, auf die vaterländische