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Neue jüdische Monatshefte · 1919-08-10 · Heft 21 (10.8.1919) · p. Seite 465

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 21 (10.8.1919)
Article
Schamvolle Reue und kühner Entschluss
Date
1919-08-10
Page
Seite 465 (sequence 6)
Language
German
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463 keine Tragödie!, nur eine Tendenz hat: Befiügelung des Willens, Änderung des Menschen, Aufforderung zur Wahl. Im Kampfe fallen, ist Pech, nicht Schuld! Es gibt keine Schuld, also Iceinen Oruncf zum Verzweifeln. Daher: Nur wo Befreiung ist, ist Drama. Flake proklamiert die Souveränität! Die Kunst, statt illusionistisch, sei wertend! „Glaubt an nichts und vollzieht doch die Kommunion mit einem grossen gesetzgebenden Gedanken!" Der Naturalismus, als Geistlosigkeif, wird befehdet. Picard sieht Zusammenhänge zwischen Impressionismus (als Symptom?) und Menschenmord: „Durch den Impressionismus hat sieb der Mensch der Verantwortung enthoben. Statt des Gewissens für ein Ding braucht man nur das Wissen um seine Beziehungen/' Der Expressionismus aber ist leidenschaftlich nur, um aus dem Chaos das Bewegte in! die Ruhe zu isolieren, er will den Gegenstand von der Relativität der Affekte lösen, er ist revolutionär um der apollinischen Gestaltung willen. Hausenstein handelt fein, skeptisch und gründlich Von der Zwei- und Dreidimensionalst in der Kunst: „Theorie und Praxis der Zweidimensionalität haben eine Garantie gegen den Naturalismus geschaffen, damit noch längst leeine Garantie für die Kunst" Der — aristokratische — Gemeinschaftsgedanke durchatmet diese Aufsatzsarnmlung, die dadurch zu einem Buche wird. Fast jeden Autor strafft das Selbstgefühl: „Ich will euch zeigen, dass allein ich mehr als eine ganze Schar!" (Lagard e), aber nur (wenigstens der Behauptung nach!) im Sinne der Verpflichtung; trotz aller Führerproblematik scheinen diese Emporer mir doch den „grossen Mann" alten Stils abzulehnen und das ist gut so: „Jeder grosse Mann verdirbt bis zu einem gewissen Grade sein Volk!" (Theodor Barth). Es geht nirgend mehr ohne die (esoterische) Gemeinschaft, die in die Weite, die Menge ausstrahlt. Auch die Geste, -die Körpersprache, die Körpersee:e gewinnt Leben, heischt Pflege. Was Kurella davon schreibt, ist sehr schön: „Wir ahnen kaum, welche Befreiungen und Freuden derer harren, die es wieder wagen, ihre Körperlichkeit auch andern Wesen liebend zu offenbaren," „Zusammenkommen!" sollte die Parole sein; es ist notwendig für die „Geistigen" und das Volk. „Nur so können das Volk und der Dichter sich und einander helfen und retten, dass der Dichter Volk, dass das Volk Dichter wird." (Landauer). Der tote Prophet, wahrlich kein „Literat", stäupt erbarmungslos den Hochmut und 'die " Einbildung derer, die „zu der Menge afs Führer" statt als Wartende und'Suchende" kommen. "Der Dichter soTI afs Mensch unter Menschen zu den Beratungen seiner Gemeinde und seines Volkes gehen. „Blieben er und seinesgleichen gar unter sich und bildeten als ein neuer Schaum oder Adel einen Senat über den Delegierten der Hefe oder des Volkes, so wäre das ein Herrenhaus, das sich den Namen Tollhaus bald und hillig verdient hätte." Es ist viel Schönes in diesem Buch, im Willen und in den Worten. Werte der Beschaulichkeit und des Hintraumens werden zerfetzt, der Glaube an die Gebundenheit und Gesichertheit in Technik und mechanistischer Organisation zerschlagen, aber heraus steigt der selbstverantwortliche, im Wollen freie Mensch, der nicht zum gewissenlosen Uehermenschen sondern zur durchgeistigten und beseelten- Gemeinschaft strebt. „Schamvolle Reue" ob des verflossenen (?) Genusstaumels, dem der Krieg den „dernier cri" bedeutete, führt zum „kühnen Entschluss" eines aktivistischen Pazifismus. Und die Tat? Genügt die Proklamation? Wird nicht vielleicht auch hier einmal es heissen: „Wer auf die Welt kommt, baut ein neues Haus, Er geht und Iässt es einem zweiten, Der wird sich's anders zubereiten. Und niemand baut es aus."?

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