Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 21 (10.8.1919)
- Article
- Judaeo-Polonia
- Date
- 1919-08-10
- Page
- Seite 455 (sequence 2)
- Language
- German
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453 jetzige Pogromsttmmung gar eine Folgeerscheinung des Krieges, wie es ein jüdischer Assimilant, der Abgeordnete Liebermann, in der Pariser ■ „Humanite1" zu erklären versuchte? Historische Reminiszenzen sollen uns klarlegen, ob denn* Antisemitismus und Asemitismus wirklich eiru,movum" in Polen sind und ob es begründet ist, von einer „absoluten Toleranz" zu sprechen. Freilich war Polen in gewissen Zeitabschnitten judenfreundlich gesinnt, diese Judenfreundlichkeit musste jedoch bei einem Vergleich mit. dem Judenfrass im IS. und IQ. Jahrhundert ganz in den Hintergrund treten. 1. - Schon im 18. Jahrhundert begnügte man sich keineswegs mit antisemitischen „Bestrebungen". Während gewisse Kreise die Judenheit im Wege der Taufbewegung in Polen ausmerzen wollten, und ein grosser Teil der Geistlichkeit die Bekehrung der Juden sich zur Lebensaufgabe gemacht hat — es genügt ja nur die Namen Zaluski, Kobielski zu nennen —, suchten die radikalerem' Elemente den Grundsatz: „Fort mit den Juden*'-zu realisieren. Zaluski gründete einen speziellen Fond für „Judaei convesti", Kohitski hält Diskussionen mit Juden ab, und ein grosser Teil des Adels fordert selbst den König auf, getaufte Juden zu adeln. Polen ist ein „Regnum orthodoxum" und müsse dies durch die gänzliche Vertreibung der Juden beweisen, behaupten die Asemiten. Ja, wir haben sogar einen Prospekt zu einem Universal der Schatzkommission, wonach die Juden Polen verlassen und nach Jerusalem emigrieren sollen.2) In einer Denkschrift aus dem Jahre 1789 an den König verlangt ein Adeliger die völlige Vertreibung der Juden — die zu den grössten Landesplagen zählen — aus dem Staate oder, deren zwangs- ' weise Heranziehung zu öffentlichen Arbeiten3). Inwiefern diese Strömungen stark waren, ist leider mangels eines Aktenmaterials schwer festzustellen, klar ist uns aber, das-s selbst Im Zeitalter der inneren Reformen Polens, die unter dem Einflüsse der französischen Ideen standen, der Antisemitismus sehr stark gewesen war. Der Jude war nur ein Objekt des Hasses, der Verachtung; denn was war für den Polen der JuM!e anders als ein: Faulenzer, Betrüger,. Schwindler, Dieb, Gauner, Schnorrer, Dreher und ein Mensch, der infolge seines von der Religion ihm diktierten Fanatismus zu jedweder Förderung der Landeskräfte unfähig ist und nur'die Rolle einer Drohne zwischen Bienen in einem Bienenstock spielt. So schilderte der anonyme Verfasser des „Katechizeu o Zydach y Neofitach", die. Juden am Ausgang <lcs 18. Jahrhunderts." Ich will absichtlich diese Bnosdhüire genauer besprechen, da sie für das Verständnis der letzten Ereignisse von ungemein grosser Bedeutung ist, bildet ja diese Broschüre noch jetzt die geistige Quelle der polnischen antisemitischen und asemitischen Literatur. Die Juden sind faul, weil sie niclit pflügen, säen wollen und nur gerne faulenzen, ja, sie ekeln sich, Gewerbe und! Handel zu betreiben, fürs Militär scheinen sie nicht fähig zu sein, denn mit einem Wort, ihre liebste Beschäftigung ist, zu schwindeln 'Und drehen. Es nimmt uns wirklich Wunder, haben denn der schwarz- oder rothaarige, schläfenlock?ge und krausige Hersdiko oder dass Hochwohlgeboren Herr Meches N. N'. nteat dieselben Hände wie die anderen;. 'Sinei sie denn delikater als wir. Ibra Hände sind doch nicht aus Wachs oder Butter?" In diesem Tone bewegt sich die. ganze Broschüre. Nicht besser drückt sich über die Juden der bekannte polnische Historiker im 13. Jahr- 2) Protokös Ekonomicany, A. 14 p. 748 zitiert bei Korzon: Wewustrzue Dzieje Polski za St. Augusta, Bd. I S. 241. s)Ozartorzki Archiv Hs 897 Zbiör projektiv.