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Neue jüdische Monatshefte · 1919-08-10 · Heft 21 (10.8.1919) · p. Seite 446

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 21 (10.8.1919)
Article
Jüdische Politik
Date
1919-08-10
Page
Seite 446 (sequence 2)
Language
German
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444 Sinnen auf die" Ausdrucksformen und Inhalte der Gegenseite ein. Ab und zu erhebt sich im Lager der Zionisten ein Triumphgeschrei, dass die widerstrebende deutsche Judenheit sich ihrer Terminologie und ihren Ideen langsam aber sicher anpasse und widerstrebend zwar aber unverkennbar weichend in die weitgeöffneten Arme der Feinde von gestern sinke. Und sie haben rechtI So manches Schlagwort des Zionismus hat allmählich Heimatsrecht im Sprachschatz der nichtnationalen Judenheit errungen, und mancher Gedanke, dem man sich erst mit Macht widersetzte, ist heute ein Grundsatz., auf den man „stolz" istl Nun braucht man gewiss nicht so verbohrt und im Eigendünkel befangen zu sein, dass man vom Gegner nichts zulernen will. Der Zionismus hat schon dadurch, dass er das grossartigste Assimilationsprodukt des neunzehnten Jahrhunderts ist, in seinen ausser]udischen Vorbildern — dem Nationalismus und der Rassentheorie, die unter den Völkern Europas herrschen — einen Quell frischen Lebens erschlossen, der neue Ideen dem Judentum zuführt. Und mag sie auch das historische Judentum in ihren Grund lagen schroff ablehnen, Einzelheiten bringen immer Anregung und Fortschritt. Die heutige Politik der jüdischen Mehrheit ist aber entschieden hierin zu weit gegangen. Sie hat sich von der Selbstsicherheit der nationaljüdischen Ideen und Forderungen derart blenden lassen, hat vor der Agitation und der — Isagen wir einmal etwas agiessiven — Kampfesart jüngerer lungenkräftiger und redegewandter zionistischer Kreise einen derart heillosen Respekt, dass man ohne Uebertreibung von einer gewissen Diktatur des nationaljüdischen Gedankens reden darf. Kaum hat man von jener Seite ein Schlagwort verkündet, so nimmt man es auf der Seite der Mehrheit begierig auf, und in der Furcht, dass man sich von den, bösen Zionisten den Rang werde ablaufen lassen, stimmt man zunächst in das Geschrei ein und stellt dieselbe Forderung. Dann freilich hat man, wenn man sich etwas gründlicher mit dem Gedanken befasst, die allergrösste Mühe, ihn so zurechtzustutzen und umzudeuten, dass man sich nicht blamiert und sämtliche eigenen Grundsätze verleugnet. Schliesslich freut man sich riesig, wenn man dasselbe Wort im Programm hat wie der Zionismus, wenn es auch etwas ganz anderes bedeutet. Diese angenehme Tätigkeit, nationaljüdische Begriffe für den eigenen Gebrauch zurechtzufrisieren, machte einen grossen Teil dessen aus, was man gemeinhin „jüdische Politik" nennt. Einige Beispiele seien im Folgenden angeführt, cUe die Methode und ihre Schwäche beleuchten mögen. Sie werden erweisen, in welchem Masse man heute das nationaljüdische Schlagwort für berechtigt ansieht und sich vor ihm beugt. I. Kongress Ein Musterbeispiel für die geschilderte Schwüche der jüdischen Politik, für ihre absolute Abhängigkeit vom Zionismus ist die Kongressfrage. Von nationaljüdischer Seite war mit grossem Nachdruck ein Kongress aller Juden verlangt worden, der mit Macht seine

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