Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1919-07-10 · Heft 19-20 (10.7.1919) · p. Seite 437

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 19-20 (10.7.1919)
Article
Die Bibel als methaphysisches Dokument
Date
1919-07-10
Page
Seite 437 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2908689-2908735-2908749-2911983--2606-2912036
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

435 sehen mehr. Es gibt nur: Leben, rechtes, tiefes, sinnendes und lebendiges Leben. Nicht Jucheissa —• und Gewalt-Freude, nicht Macht-Frohlocken, nicht Eigen-Frohlocken, sondern stille Seligkeit im Bewusstsein einer allschöpferischen, gütigen und gnädigen Gottheit, einer Gottheit, in welcher Elauhim, die Gerechtigkeit, mit Adaunoj, der Gnade, in Eines zusammenschmilzt, ins grosse selbstverständlich gewordene Ki-tauw der Welt. Das ist ein langes, wichtiges Thema und bedarf der ausführlichsten Darlegung. Hier, und im Folgenden, können wir nur kurz andeuten, ins Fühlen und Sinnen bringen, was dem Ki-tauw des Judentums, wenn wir es dem Ki-ra des Buddhismus und des Christentums, einer Art jüdischen Buddhismus (durch Aufzeigung des unendlichen Leidens eines reinen heiligen Menschen) gegenüberstellen, entspricht. Eather Von Scholem-Alejchen s ist keine Geschichte aus dem Cheder, weder eine vom Rebben noch von der Rebbezin, Von ihnen habe ich euch genug erzählt. Vielleicht darf ich euch heute Purim zu Ehren eine Geschichte von Esther, des Rebbens Töchterchen, erzählen? I. Wenn die Esther aus der Megille ebenso schön war wie die Esther, von der ich euch erzähle, so ist es gar kein Wunder, dass sie dem König Achaschwerosch so gut gefiel. Esther, von der ich erzähle, gefiel allen Leuten. Alle hatten sie lieb. Alle, sogar ich, und sogar mein älterer Bruder Motel, obwohl er schon längst Bar-Mizwe war, eine Uhr mit einer Kette tru!g und im Heiratsalter stand. Wenn ich nicht irre, hatte er auch schon «inen Flaum am Kinn. Und dass mein alterer Bruder MoteJ sie lieb hatte, kann ich euch bezeugen 1 Ich weiss es ganz genau. £r glaubte zwar, dass ich es nicht weiss. Wenn er aber vorgab, dass er jeden Sabbat Nachmittag zum Rebben kam, nur um mit ihm die Sprüche der Väter zu lesen, so war es Schwindel. Der Rebbe schnarchte um diese Stunde, und die Rebbezin sass auf der Bank draussen vor dem Hause und schwatzte mit den Weibern. Wir Chederjungen spielten, und Motel und Esther schauten mit grossen Augen: er auf sie, und sie auf ihn. Manchmal spielten wir Chederjungen „Kuzibabe". Wisst ihr, was „Kuzibabe" ist? Ich will es euch erklären. Man verbindet euch die Augen mit einem Tuch und stellt euch in die Mitte der Stube, und alle laufen um euch herum und rufen „Komm, fang michl" Auch Motel und Esther spielen mit uns mit. Sie sagen, dass das Spiel ihnen gut gefällt. Wenn sie mit uns „Kuzibabe" spielen, können sie einander in einemfort packen und anfassen: er sie und sie ihn. Ich habe noch viele andere Beweise und könnte euch eine Menge Dinge erzählen, aber ich bin nicht so einer... Einmal überraschte ich sie, wie sie sich bei den Händen hielten. Und das war gar nicht an einem Sabbat, sondern just an einem Wochentag. In der Abenddämmerung war es, zwischen dem Nachmittags- und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.