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Neue jüdische Monatshefte · 1919-07-10 · Heft 19-20 (10.7.1919) · p. Seite 433

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 19-20 (10.7.1919)
Article
Die Bibel als methaphysisches Dokument
Date
1919-07-10
Page
Seite 433 (sequence 2)
Language
German
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431 es bei Dschuang Dsi, der im vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte.*) Der chinesische Philosoph kämpft allerdings weniger für die absolute Dinglichkeit, für die materielle Wesenhaftigkeit des Wortes als für die Wahrheit des Wortes, wie sie (ethisch) dem Worte zugrunde liegen soll; Aber die Dinglichkeit selbst entspricht bereits dieser Forderung auf manche Weise. „Worte sind doch kein blosser Hauch." Sie sind, will Dschuang Dsi sagen, nur um der Wahrheit und Wirklichkeit willen da. Das heisst: Djas Wort darf sich nur mit vorhandener Wesenheit decken. (Materie,— weit aufgefasst, ebenso als Stoff, wie als Geschehen.) Dia sind vvir denn dem Wesen des Wortes als eines Dinges bereits unendlich nahegerückt. Auf anderem Boden, in Griechenland, und später in 'Alexandrien, dachte man dann vom Worte noch anders. Da wurde das Wort gänzlich zum Strahl der Urmacht, zur vollkommenen Wesenheit selber. Sodass Johannes sein Evangelium beginnen konnte: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort." Hier, auf der Grenze zwischen Asien und Europa, zwischen orientalischer und okzidentaler Anschauungsweise vollzieht sich, wie oft in Gren2sphären, das schöne Phänomen des — überirdischen Denkens. Ein vWort wird für das andere gesetzt, und es kommt ein Plus hinzu; es wird etwas Neues, Drittes geschaffen. Das Dritte — nicht die Mitte. In vielen Fällen pflegen wir dieses Phänomen „Mystik" zu nennen und meinen damit, meistens mit negativem Beigeschmack, etwas Unwirkliches. In Wahrheit aber ist eine solche Denkweise nur: die höhere, die eigentlich göttliche Denkweise. Die Rede, die andere Dinge schaut, als die gewöhnliche. Rede, welche mehr mit den leichtsinnig gezählten fünf Sinnen zu tun hat. Der Evangelist fährt dann nach einem Zwischensatz fort: „Alle Dinge sind durch dasselbe (das Wort nämlich) gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist." Wir sehen: das Wort ist hochgeachtet als das erste und letzte Schöpfungsmittel. Ob wir uns solcher Anschauung unterwerfen oder nicht, eine Folge dieser wichtigen Denkweise ist die: das Wort Gottes ist überall und immer — Ding und Wahrheit. Was nun Gott auch sagen mag, es kann nicht anders: als Wahrheit sein. Erste Schöpfungstat: Das Licht. Hier entsteht der bekannte Zwiespalt, mit dem sich schon Raschi ausführlich abzufinden versucht hat. Was wurde zuerst geschaffen: Himmel und Erde oder das Licht, oder gar das Wasser, da doch der Geist Gjottes bereits über den Wassern schwebte. Raschi sagt, der Bibelerzähler will uns keine eigentliche Reihenfolge geben, und meint, man könnte „boro" wie „rVrau" lesen und würde damit den rechten Sinn treffen: am Anfange des Schaffens waren Himmel und Erde. Damit hat Raschi im Tiefsten recht. Dem ersten Erzähler war der Sinn des Schaffens aus Nichts oder aus dem Wort etweder nicht geläufig, oder er legte kein Gewicht darauf. Aus metaphysischer Ahnung *) Richard Wilhelm: Dschuang Dsi. Jena 1912, S. 13.)

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