Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 19-20 (10.7.1919)
- Article
- Philos Bedeutung für die abendländische Geistesgeschichte
- Date
- 1919-07-10
- Page
- Seite 427 (sequence 2)
- Language
- German
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425 Vater aber dieser religiös gefärbten synkretischen Periode ist Philo als Versehm elzer der jüdischen und. hellenischen Kultur. Darin beruht seine Bedeutung-, er begründet ein Jahrtausend philosophisdter Forschung, gibt ihm Ziel und Inhalt. Mit ihm beginnt die mittelalterliche Philosophie. Diese Bedeutung erhält Philo nicht sowohl durch eine neue und origienelle Orientierung in der Welt des Seienden, sondern durkrh die Umbildung einer historisch gegebenen Lehre, des Piatonismus. Im Leben des Geistes wirkt eine Monade auf die andere und in die andere, vesv mischt ihr innerliches Leben mit ihr und lebt in ihr weiter. So lebt in Philo Plato wieder auf, so wirkt nicht durch Philo Plato .Und dennoch ist der Phiionismus nicht identisch mit dem Piatonismus. Selbst wenn jemand sagen wollte: Philo ist Spiegel1 und nur Spiegel und es reflektieren sich in ihm ledigllich eße von dem Uchte Platoö ausgehenden Strahlen, so wäre zu erwidern: So verschieden sich die eine Welt in den Seelen der Menschen spiegelt, so verschieden ist dia Auffassung Pia tos bei den einzelnen Denkern, und es kann in dieser Auffassung selbst schon eine Originalität bestehen. Behaupten denn nicht heute noch die einen, Plato sei ein Logiker und Theoretiker gewesen, seine Idee sei nichts anderesals eine begreifliche, wissenschaftliche Grunde legung zur Erklärung der Phänomene, wie etwa der mathematische Begriff der Gleichheit, der. erdacht ist, um Ordnung in der Mannigfaltigkeit der sinnlichen Verschiedenheit zu stiften, während die anderen die platonische Idee zu einem erschauten Urbild der diesseitigen Welt, zu einem Bewohner einer besseren überhimrnlichen Welt machen, wo, um mit dem Dichter zu reden, göttlich unter Göttern die Gestalt wandelt? Es ist hier der Ort, zwischen wissenschaftlichen Thesen mit kritischer Genauigkeit zu entscheiden, denn dazu wäre die Herbeischaffung eines reichen literarischen Materials erforderlich, aber so viel ist sicher, dass auch Plato kein ausgeklügeltes Buch, sondern ein Mensch mit seinem Widerspruch ist, dass auch in ihm zwei Seelen wohnen, deren eine an der strengen mathematischen Wissenschaft Gefallen findet, deren andere sich der orphischen Seelenlchre zuneigt, die in der Tat von einem jenseits, von einem Herabfallen der Seele und" ihrer Einkerkerung im Leibe und ihrem Streben nach Erlösung zu berichten weis. Der Piatonismus geht aus von dem Wirklichen und fragt: Was ist das Bleibende, das Seiende, das Substantielle in jhm? Er erkennt, dass das Seiende, wie wir es sehen und fühlen, nicht das wahrhafte Sein ist, sondern dass es sich entwickelt, entsteht 'und vergeht und nicht mehr ist. Diese Weit des Werdens kann also nicht die wahre Wirklichkeit sein, und dennoch ist sie kein vollständiges Nichtsein, sondern es ist auch in ihr etwas Seiendes, Bleibendes. Die einzelnen Pflanzen, die Tiere, die Menschen vergehen, aber „die" Pflanze, „das" Tier, „der" Mensch bleibt. Bleibend ist also die Gattung, der Begriff, die Form. So wird das Seiende hier zerlegt in die bleibende Form und die vergehende Materie. Die bleibende Form aber nennt Plato Idee, und so steigt er von der Materie zur Idee, vom Bereich der Materie zum Bereich der Form auf, das Reich des Sichtbaren (wird entwertet, das Reich des Unsichtbaren wird das eigentliche Sein. So baut sich auf das Reich des Werdens