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Neue jüdische Monatshefte · 1919-07-10 · Heft 19-20 (10.7.1919) · p. Seite 425

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 19-20 (10.7.1919)
Article
Augen des Ostens
Date
1919-07-10
Page
Seite 425 (sequence 2)
Language
German
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Man übe es öfter, in die Augen von Tieren zu schauen. In ihnen ist das Rätselhafte des Oewordenseins und der Uneinzelhaftigkeit erkennbar. Vor Tieraugen wird man sagen: Kreatur, Kreatur! aber man w^rd nicht das Tier allein benennen wollen, sondern sich, den Vferrenhaften, den Stolz-Einzelnen auch, demütig auf Knicen: Kreatur, ich Kreatur! In den Augen der Ostjuden ist das Schmerzenslicht der Kreatur und ruht die Tiefe der Mission, die der Kreatur auferlegt wurde, als Würde un'd Leid, und die es selber-nicht lfetmt Zuweilen erbebend ahnt? Solche Augen sind die eigentlich religiösen Augen. Noch in den widerlich perfiden Gesichtern jüdischer Schweinehunde (ich brauche hier das verletzendste Wort), noch in ihnen habe ich solche Augen gesehen. So unausrottbar ist im Juden sein Ewiges, d. h. seine Kreatürlichkeit, sein Unbewusstes, das in fernstem Mutterboden wurzelt. Im Ostjuden aber ist es diesem Ewigen leichter, lichtvoll das Auge zu erfüllen, als in den übrigen Juden, wo es den Weg durch eine Schicht fremder' Kultur zu erzwingen hat. Meine mit dem Maule traditionshalber stramm antisemitischen Soldaten spürten — und wussten freilich nicht, warum, — eine grosse, sohnhafte Ehrfurcht vor den alten Judenrnännern und Judenweibern Russlands, denn keiner konnte blind sein vor soviel Licht. Einer sagte: „Wie aus der Bibel sind sie", und schüttelte erstaunt den biederen Dickkjopf. Ja, mit einemmale ist einfache natürliche Liebe da. Plötzlich fühlt der Antisemit im russischen Judenhause: Zu Hause, zu Hause! als gehöre er selber dahinein. Sein Heimweh nach Deutschland wird unendlich; Deutschheit, Judenheit müssen also wohl seelisch einander nahgesellt sein? Also einander ähnlich? Nur ähnlich? Nein, brüderlich, brüderlich! Ach, wir sind weit davon, etwas so Schönes schon in breiten Massen zu glauben. Auch dies Gefühl bleibt vorerst ini Unbewussten, aber es war da, ich habe es hundertmal in den Augen gesehen. Drei preusslsch harten Soldatenaugen wurden in russischen Bauernhäusern und in den Buden jüdischer Mjestjeitschkas gleicherweise verwandelt, ich habe die Verwandlung gesehen, ich erkannte die Seelen besser, als die Seeicn sich' selber. Ich habe wahrhaft gesejhen, dass harte und rohe Menschen in den Häusern der ärmsten und dreckigsten Juden zwar mit dem routinierten Grossstadtmaul noch böse Landsknechte waren, aber mit den Augen schon sprachen: Wir lieben euch! Die Europäer mögen auf Russland schauen, der Russe verbürgt die neue Menschheit. Der europäische Jude möge nach Russland schauen, der Ostjude verbürgt dem wandernden Messias seinen gewissen Weg! Alle Menschen mögen auf Russland schauen und sich nicht beirren lassen durch das Zeitlich-Erschreckende; Ewiges ist dennoch nur dort zu sehen. Alle werden, wenn sie nach Russland schauen, den Ostjuden sehen. Schaut ihm in die Augen, bevor ihr Hass in euren Herzen züchten wollt. Nennet die Russen Brüder, sagt zu den alten Judenmännern Vater, und die feierlichen guten alten Judenfrauen nennt Mütter. Ein geheimnisvolles Volk ist der Ostjude. Lauschen wir auf sein 'Geheimnis, denn wir brauchen das Geheimnis in dieser Zeit!

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