Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 19-20 (10.7.1919)
- Article
- Die Hauptversammlung des Centralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens
- Date
- 1919-07-10
- Page
- Seite 424 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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vn. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland standen vor den Blickest der Delegierten des C.-V., unterlagen ihrer Beschlussfassung. Wer gerecht urteilt, wird finden, dass sie sich der grossen Stunde nicht unwert gezeigt haben. Äugen des Ostens Von Arnold Ulitz, Breslau jrtnti idv zurückschauend Russland sehe, dann sehe ich auch immer \ 7\! Juc*et!* Zwischen den Slawen, die etwas ergreifend Unbestimmtes an sidi tragen (und schwer daran tragen), sehe ich die völlig bestimmt scheinenden, scharf und sogar grell urnrissenen Gestalten der Ostjuden. Aber siehe, so einzelhaft und ganz für sich selber vorhanden jeder! Judenmensch dort erscheint, er wirkt mir nun, erinnernd gesehen, in höchst y/undersamer 'Weise der gleichen „Unbestimmtheit" teilhaftig wie der Russe, einer massig-riesig-sieppengrossen Unbestimmtheit. Der Ostjude und -der Rus$:e [ähneln also einander? Es ist .nicht einmal paradox: Der Russe nämlich ist das Menschwesen, welches aus der Unbestimmtheit der Volksmassigkeit und ihrer mütterlichen, allzumütter- Üdien, allzu trägen Hühnerstaliwärme sich ins Einzelhaftere, d. h. Klarere, d. h. Kältere sehnt. Der Ostjude ist das Menschwesen, das aus der bis zu Schmerzen hochentwickelten Einzelhaftigkeit der Persönlichkeit sich in den süsseren, milderen, trägeren Binnensee-Flutverband des Volkes sehnt. Dass diese beiden, verschieden gerichteten Sehnsüchte einander zum Verwechseln ähneln, erklärt sich daraus, dass sie, diese Sehnsüchte, sich unbewusst vollziehen, aber eben diese unterirdischen Vollzüge modeln aufs entscheidenste die Seele, die typische Leiblichkeit und, wenn ich so sagen darf, die Klangfarbe der einzelnen Gestalt. Hier haben dio Sehnsüchte in beiden Physiognomien das gemodelt, was ich das „ergreifend Unbestimmte" nenne, und was diese beiden feindlichen Völker schier zu Geschwistern macht, das heisst zu Kindern der gleichen Mutter: des Fernenwehes, oder, kühnest gedeutet: der Messiassehnsucht. Der Ostjude als einzelner (ich sehe ihn vor mir, meinen Freund, den jüdischen Gutsinspektor von Perjessnaja, dieser gescheite Mann wird meine Deutung mit einer seiner unvergesslichen humorvoll-spöttisch-gütig-- bissig-schalkhaften Geistbemerkungen zur Kenntnis nehmen. Aber er wird denken: „Was redest du dir vor, und was willst du mir vorreden. Ich weiss, dass nichts Unbewusstes in mir steckt." Aber dennoch wird etwas in seinem Antlitz sein, was er vielleicht im eignen Spiegclbilde nicht erkennen oder anerkennen würde, was aber mich, den Nichtjuden, von - Anbeginn so tief betroffen gemacht hat: es wi,rd darinnen sein ein ewig wnschiiehtbar scheinender, grenzenloser Zwiespalt zwischen dem heiterliberalen Munde und den unsäglich traurigen, torheitssehnsüchtigen, törichten, guten Augen des Heimwehs. Man verstehe mich recht: in diesen Augen Ist Tieraugen-Leuchten.