Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 17 (10.6.1919)
- Article
- Das Gefühl für die Sonne und die Pflanzen bei den alten Juden
- Date
- 1919-06-10
- Page
- Seite 371 (sequence 6)
- Language
- German
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369 bart"; doch der wahre Gott war unter anderen Namen, — nicht unter dem persönlichen, sondern unter bildlichem, allegorischen — auch den andern Völkern bekannt. Wenn wir „Christus" sagen, erkennen wir in dieser individuellen Bezeichnung das ».Antlitz, Schicksal und die Persönlichkeit unseres Heilands; dürfen wir aber sagen, dass die andern fehlen, wenn sie „den Herrn" anbeten oder „die Vorsehung" fürchten? Jahve ist eben eine Parallele zu Christus: er ist der Herr der Welt, der sich persönlich und speziell den Juden offenbart hat; wenn sie ihn aber als den „Schöpfer der Welt", als den „Oott schlechthin" anrufen, sondern sie sich durchaus nicht von den andern Völkern ab, ebenso wie auch die ,andern Völker sich von ihnen nicht absondern. Wenn ich mich genauer fassen soll, bedeutet das Elohistische Prinzip ihrer Religion keine Abspaltung von den Religionen anderer Völker; das Jahvistische Prinzip ist aber spezifisch jüdisch, und wir irren, wenn wir glauben, dass wir es von ihnen übernommen haben. Aus diesem Grunde gab es auch bei den andern Völkern Opferungen, wenn auch armseligere, geringere und in vielen Einzelheiten ungeschicktere. Dies folgt auch aus folgender erstaunlichen Tatsache: am Gottesdienst zu Jerusalem durften auch Griechen (ohne Beschneidung und ohne Uebertritt zum jüdischen Glauben) teilnehmen und im Salomonischen Tempel gewisse Opfer (doch nur sozusagen Elohistische und keine Jahvistische), darbringen. In der „Geschichte des Talmuds" von Pereferkowitsch lese ich: „Zum Gottesdienst im Salomonischen Tempel wurden auch Heiden zugelassen, von denen auch alle freiwilligen und gelobten Opfer (sogenannte Nedawoth und Nedarirn), d. h. Ganzopfer, Speisopfer und Trankopfer, angenommen wurden. Nur die Teilnahme an den ausgesprochen israelitischen Geschlechts- und Blutopfern war den Andersstämmigen verwehrt: so am Sündopfer (durch das eine persönliche, israelitische Sünde gesühnt wurde), und an den Reini^ungs-. opfern." Die Teilnahme eines Themistokles am Sündopfer einer Ruth wäre ja auch wirklich ganz unsinnig! Es ist aber etwas anderes, wenn man. sagt: „Komm in unsern Tempel und bete für dich und deine Verwandten!" Die Gemeinsamkeit gewisser Gebete zeigt, dass zwischen dem Griechen und dem Juden, zwischen dem Judaismus und dem Hellenismus höchstens ein seichter Graben, doch kein Abgrund liegt. Der Unterschied ist jedenfalls nicht grösser als zwischen dem Katholizismus und dem Piotestantismus oder der Orthodoxie: ich hatte (wie wohl auch viele andere Griechisch- Orthodoxen) niemals Bedenken, in eine katholische oder protestantische Kirche einzutreten und für einen kranken Angehörigen oder sonst etwas mit grosser Andacht zu beten. Die Juden eigneten sich aber einige Gebete der Griechen an, und die Griechen kamen in ihren Tempel mit gewissen eigenen Gebeten. „Wir werden erhört werden I" Und sie wurden natürlich erhört, wie der König von Ninive nach dem Zeugnisse des Propheten Jonas,