Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 16 (25.5.1919)
- Article
- Die Ritualien des Judentums im Lichte moderner Wissenschaften
- Date
- 1919-05-25
- Page
- Seite 352 (sequence 3)
- Language
- German
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350 ständigen Blutteere der Gewebe, während beim Schlagen gerade eine Ueberfüilung eintritt. Blut ist aber ein vorzüglicher Nährboden für Spaltpilze und Fäulniskctoe. Daher entsteht leicht ein Verderben des Fleisches» Darin liegt vielleicht die Ursache, dass der Genuss des Blutes verboten ist und die grossen Gefässe besonders aus den Geweben herausgeschnitten werden, che das Fleisch genossen werden darf. Man ersieht die Fülle feinster Beobachtungen.1) Sozial hat die Vorschrift zur Erhaltung des jüdischen Volkes und Festigung ihrer Familienbande ausserordentlich beigetragen. Man konnte sich eigentlich nur im eignen Volke richtig satt essen und blieb im. allgemeinen aufeinander »angewiesen. Wie hätte das für seine Ideale Verstössen« und ewig gemarterte Volk sonst sich am Leben erhalten können, wenn es nicht seine Familie und seinen Glauben an Gott gehabt hätte 1 Am deutlichsten zeigt sich ferner die Feinheit und Realität seines Denkens in den Beerdigungsvorschriften. Die Leiche wurde von den Angehörigen bewacht, im Falle, dass nächs'te nidht dazu imstande waren von entfernteren. Sie wurde in dem Sterbehemd * und im Gebehnantel zwischen vier losen Brettern in ein massig tiefes Grab gelegt, ein Angehöriger stieg vor dem Zuschaufeln in das Grab und legte sie zurecht. Keiner durfte vor dem Anderen einen Vorzug haben. Deshalb war die Ausschmückung ider Gräber verboten und die Denksteine hatten eine bestimmte Vorschrift. Neben der sozialen, demokratischen Vorschrift, sehen wir hier zwei besondere Feinheiten. Erstens waren die Angehörigen gezwungen, sich mit der Leiche und dem Grab selbst zu beschäftigen. Auf diese Weise gewöhnten sie sich an das unabwendbare Naturereignis und das Grab verlor für sie die Schrecken, fast wie der Tod. Aehnlich wie der junge Medizinstudierende nach einiger Zeit in der Lage ist, neben seinen Präparierleichen das Frühstück zu verzehren, wenn er auch in den ersten Tagen den heftigsten Widerwillen vor ihnen, empfunden hat. Zweitens wurden die Leichen in der besten Art beigesetzt, besser als in den modernen Zinksärgen, weil die aus der Leiche hervorgehenden Flüssigkeiten und Gase von der Erde sofort aufgesogen werden, während die Leiche im geschlossenen Sarge bald in der eigenen Fäulnisflüssigkeit liegt, wenn nicht sogar die Gase zu einer Sprengung des Sarges führen und zu einem Einfall des Hügels. Wie sinnig ist das Totengebet, welches nur eine Lobeshymne auf Gott enthält, keine Klagen und Anklagen. Dem entspricht die Vorschrift, dass die Angehörigen acht Tage auf niedrigem Schemer, ohne Fussbekleidung beieinander sitzen müssen, ohne der täglichen Beschäftigung nachzugehen, ausser am Slabbat, um sich gegenseitig zu trösten und zu beruhigen. Auch hierin seihen wir ein festes Band für den Famiken- .anschluss. l) Dagegen ist die strikte Absonderung von Fleischspeisen und mit Milch oder Butter zubereiteter Speisen wissenschaftlich nicht zu verstehen. Es. liegt hier eine soziale Absicht vor. Die Juden sollten immer wieder an die Hochhaltung der Pflichten von Mutter und Kind erinnert werden. Es sollte verhindert werden, dass das Fleisch des Theres z. B. des Kalbes in der Muttermilch oder in einem Teilchen gekocht würde. Talmudistische Übertreibung späterer Zeiten hat diese begreifliche Lehre zu einem spitzfindigen System der Ernährung umgewandelt