Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 16 (25.5.1919)
- Article
- Die Ritualien des Judentums im Lichte moderner Wissenschaften
- Date
- 1919-05-25
- Page
- Seite 351 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2908689-2908735-2908746-2911859--2488-2911888- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
349 Rein äusserlich fällt zunächst auf, dass die Juden stets bedecTctea Hauptes einhergingen, dass sie vor ihrem Gotte selbst bedeckt erschienen, und im Gegensatz zu unserer Anschauung dem freien Manne diese Art zugestanden, während der Sklave entblössten Hauptes erscheinen musste. Sitte und Nutzen ergänzen sich fast immer im Leben der Völker. So führte auch hier die Beobachtung, dass eine geeignete Kopfbedeckung Hitzschlag, Kopfschmerzen etc. verminderte, wahrscheinlich zu dem Gebrauche des Turbans oder Käppchen. Es Jehrt die heutige Hygiene, dass zwischen der Bedeckung und dem Kopfe sich eine Luftschicht bildet. Da Luft ein schlechter Wärmeleiter ist, so wird dieser Luftraum einerseits die Strahlen der glühenden Sonne direkt in ihrer Wirksamkeit verringern, andererseits die schnelle Abkühlung des erhitzten Kopfes vermindern. Aut diese Weise entsteht eine Art Regulator. Der ganze Gebrauch entspricht aber auch der Auffassung der jüdischen Lehre, dass die Juden nicht Knechte, sondern Kinder Gottes sind, so dass ihre Uebertragung auf nordische Verhältnisse verständlich ist, wenngfeich hier höchstens im Hochsommer einige Tage die tropischen Verhältnisse der Sonnenglut zeigen. Im neuen Testament erfahren wir ferner, dass Wunden mit Oel und Myrrhenabkochungen behandelt wurden, eine feine Beobachtung, da die Tropenhitze die Wunden leicht austrocknen konnte und zu Stauungen der Wundabsonderung führte* Noch beweisender sind die Rituale des Essens und Begräbniswesena Schweine wurden wegen der häufig beobachteten Erkrankungen der Trickinosis und des Rotlaufs einfach verboten, ebenso die Einhufer, weil sie zum wirtschaftlichen Gebrauche mit grösserem Nutzen verwendbar waren. Unland macht sich daher mit Unrecht in einer seiner Balladen über den „jüdischen Gauch" lustig. Es war nicht wunderbar, dass die frommen Juden sich heute noch vor dem schönen rosenroten Schinken ekeln. Erst das Mikroskop hat die Gefahren des Fleischgenusses von Schweinen vermeiden gelehrt. Weniger klar ist das Verbot von Fischen, weiche keine Schuppen besitzen. Kleine Schuppen haben bekanntlich auch die verbotenen Aale. Wahrscheinlich hat man Fische und Reptilien nicht voneinander unterscheiden können und einfach jene Regel aufgestellt, um dem einfachen Volke leichter verständlich zu erscheinen. Das Schlachten wurde mit Recht der Allgemeinheit entzogen, um einerseits eine Fleischbeschau zu ermöglichen, andererseits die Juden vor Verrohung und Tierquälerei zu bewahren. Das „Schächten" wurde einen: eigens dazu ausgebildeten Priester übertragen, so dass das Töten der Tiere zu einem religiösen Akte gemacht wurde. Der Schächtschnitt wirbelt noch heute, besonders in den unbelehrbaren antisemitischen Kreisen viel Staub auf. Man behauptet, hierin eine rohere Art der Tötung zu sehen, was aber durchaus nicht mit den wissenschaftlichen Erfahrungen übereinstimmt. Denn die Schlachtmaske lässt nicht selten die Schläge gegen den Schädcs abgleiten oder zu schwach ausfallen, während der Schächtschnitt durch die grossen Gefässe und die Luftröhre geführt, unbedingt sicher ist Der Schnitt selbst ist verhältnismässig wenig empfindlich und die Verblutung ist zweifellos ein allmählicher sanfter Tod, welcher nadi kurzer Zeit zur Ohnmacht und Empfindungslosigkeit führt, besonders wenn die Luftröhre frei ist und zu tiefer Einatmung Gelegenheit gibt. Wäre sie nicht durchschnitten, &o würde die Zunge nach hinten fallen und die Atmung verlegen, so dass ein Erstickungs-, kein Verblutungstod eintritt. Freilich treter? schliesslich Verblutungskrämpfe auf, ähnlich wie beim Schlagen Gehirnkrämpfe entstehen. Aber beim Schächten führen sie zu einer fast voll-