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Neue jüdische Monatshefte · 1919-05-25 · Heft 16 (25.5.1919) · p. Seite 341

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 16 (25.5.1919)
Article
Die wirtschaftliche Zukunft der Ostjuden
Date
1919-05-25
Page
Seite 341 (sequence 10)
Language
German
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339 unabsehbar gross. In dieses weite, aussichtsreiche. Zentralrussland strebten die Juden. Als Händler zeigten sie sich, wo sae auftreten konnten, ata anderen .uberlegen, den bauernschlauen Ukrainern, den antisemitischem Finnen, den verschlagenen Sarten, erst recht dem träumerisch-tatenlosen Grossrussen und nur an den Grenzen Sibiriens fanden auch sie ihre Grenze, Gegen die Beharrlichkeit, die unglaubliche Zähigkeit des Chinesen, gegen seine uns unbegreifliche Genügsamkeit kam auch der Jude Im kleinen Handel .nicht mehr auf. Aber er wünschte nichts sehnlicher, als bis am diese Grenze vordringen zu dürfen, er würde die Entwicklung dieses weiten Reiches zum westlichen Kulturstande beschleunigt, er würde ein Clement des Fortschritts dargestellt und sich selbst dabei zu der Höhe ' ernporentwickelt haben, von der manche Westjuden jetzt allzu stolz auf ihn herabblicken. Die 2 Millionen Juden bei 11 Millionen Polen mussten sieh in ihren spezifischen Fähigkeiten hemmen und gegenseitig niederdrücken, die vielleicht 6 Millionen in einem Gesamtrussland, das 170 Millionen Einwohner hat, werden ein überaus nützlicher Teil der Gesamtbevölkerung, ein Element der Regsamkeit und Rühtsamkeit, ein Sauerteig: der Volkswirtschaft sein. Und so spitzt sich die Zukunftsfrage der Ostjuden dahin zu: wird sich der aussichtsreiche Osten, das Land mit dem grössten Händlerbedarf der Welt, das Land mit dem grössten Hunger nach wirtschaftlichen Talenten ihnen verschliessen, oder wird das Land, das von einem Trotzki jetzt vertreten wird, seinen Stammesgenossen politisch und wirtschaftlich offen stehen? Das ist aber eine Frage der Regelung der Verhältnisse zwischen; Polen und Russland, eine Frage der zukünftigen Gestaltung der russischem Wirtschaft, nach dem die Herrschaft des Bolschewismus überwunden sein wird. Aber auf alle Fälle bleibt das Juderiprobfem für die nächste Zukunft ein W an d e r u ng s p rob le m. Und es Wird eine Wanderung nach dem Osten sein, trotz der Bolschewiki und trotz der vorübergehenden ungünstigen politischen Verhältnisse. Nicht wie bisher eine Wanderung gedrückter und unterdrückter Existenzen übers Meer, die dort als rüdeständig und lästig empfunden werden, sondern ein Abströmen der fähigsten und unternehmungslustigen junger?. Elemente aus der West ecke des russischen Reiches ins weite Zentralland hinein. Wohl f\vird davon' die unausbleibliche Folge sein, dass eine gewisse Rüdkentwicklung'i, Vv]enri man so will, eintritt von einer sozial stark gegliederten Masse, die insbesondere zahlreiche Handwerker und Arbeiterelemente in sich enthalt, zu einer mehr einheitlichen Schicht kaufmännischer Unternehmer und Angestellten in Handel, Gewerbe, Industrie und vielleicht auch kaufmännischer Unternehmer in der Landwirtschaft, wie Amerika sie kennt. ,ünd die jüdische Arbeiterschaft und Handwerkerschaft wird sich vermutlich an Zahl verringern, an Bedeutung verkleinern. Manch einer wird das vielleicht bedauern. Aber ich glaube, diese Laufbahn entspricht den spezifischen Fähigkeiten,, die dem Ostjuden ebenso eigentümlich sind wie dem Westjuden, In dieser Hinstellt gibt es keinen Wesensunterschied« unter den Juden der Gegenwart. Mit diesen Fähigkeiten leisten sie dera Volksorganismus, in den sie hineingesprengt sind, hohe Dienste, wie keine andere Menschenschicht sie in gleicher Weise leisten kann.

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