Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 16 (25.5.1919)
- Article
- Die wirtschaftliche Zukunft der Ostjuden
- Date
- 1919-05-25
- Page
- Seite 335 (sequence 4)
- Language
- German
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333 mit anderen Volksmassen, die erst wenige Generationen Stadter waren, in grossem Masstabe gemacht worden. Während der englischen Baumwollnot, während deutscher Textiücnsis hat man es immer wieder versucht, gerade übrigens auch im Elsass versucht, stadtische Bevölkertuxgen dein Lande zuzuführen. Der Versuch ist damals gescheitert, und er wird bei den Juden #uch nicht gelingen. Im zweiten Kriegsjahre ist vielfach empfohlen worden, die Juden im besetzten Gebiete zur Landarbeit heranzuziehen, und von der Militärbehörde ist dieser Versuch teilweise mit grosser Härte durchgeführt worden. Er ist selbst bei Anwendung härtester Zwangsmittel gescheitert. Von der Möglichkeit einer Landansiedelung grosser Massen der Ostjuden kann in absehbarer Zeit keine Rede sein. Auf solchen Unwahrschein- Hchkeiten kann und darf man das Schicksal einer grossen Masse nicht aufbauen. Ich will aber offen hinzufügen, dass meine Auffassung dahin geht, dass man es auch gar nicht darauf aufbauen sollte, selbst wenn man es könnte. Nimmt man an, dass es ein erstrebenswertes Ziel sein soll, diese bis vor 50 Jahren einheitliche Schicht sozial zu gliedern, und wie in einer geistvollen Arbeit Lessynski es ausgedrückt hat, produzierende und; schaffende Arbeit zu ihrem sozialen Inhalt zu machen, die einseitige Oekonomik des Judentums vielseitiger und erfüllbar zu gestalten, so kann man diese Entwicklung nur begrüssen. Es ist aber auch ein anderer Standpunkt möglich, und der ist bisher viel zu wenig zur Geltung gekommen. Man kann auch mit Nietzsche sagen, dass den Weg wollen solle, den blind die Natur gegangen. Die jüdischen Massen besitzen fraglos ein besonderes, spezifisches kaufmännisches Talent; sie sind zu den rein gtisiig^n Beschäftigungen weit besser veranlagt als für körperliche Arbeit Im Sinne der jüdischen Eigenart und im Sinne jeder Volksgesamtheit, welcher der Jude angehört, erscheint es wirtschaftlich richtig, diese besonderen jüdischen Gaben in der Weise unß an den. Stellen sich auswirken zu lassen, wo und wie sie sich jam besten verwerten. Dabei brauche ich nach diesem Kriege v/o hl nicht mehr auf die alte längst überlebte Anschauung einzugehen, als ob Handel, Vermittlertum von Waren und Wertet? etwas {minderwertiges, gleichsam etwas Unproduktives seien. Auch der Kaufmann in Handel und Industrie schafft hohe Werte, und die grössien Nationen fder Gegenwart verdanken ihre Stellung nicht der Handarbeit und auch nicht der Landwirtschaft, sondern die eigentliche Weltgeltung ist vom Kaufmann und gerade vom Handel geschaffen worden. Vom Handel natürlich in jedem, auch übertragenen Sinne; von der Vermittlung der Werte, von der Nutzung des Marktes*, von der raschen umi sicheren Anpassung an schnell wachsende Verhältnisse. Gerade in dieser besonderen Fähigkeit Hegen die höchsten Dienste, welche der Jude dem Lande leisten kann, das sein Vaterland ist. Das Land, das zu seinen Organisatoren einen Rothschild und Rathenau, einen Bull in oder R i e s s e r zählen kann, ist meilenweit einem» Lande voraus, das einige tausend jüdische Bauern ansiedelt. Wo der einzelne Jude eö kann, wendet er sich von der Handarbeit, der mechanischen Bodenbearbeitung und Güterbearbeitung ab, er wendet sich der geistigen, organisatorischen Tätigkeit in Handel und Gewerbe, in Wissenschaft und Literatur zu. Was aber der einzelne will, ist auch der