Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 16 (25.5.1919)
- Article
- Die wirtschaftliche Zukunft der Ostjuden
- Date
- 1919-05-25
- Page
- Seite 333 (sequence 2)
- Language
- German
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331 gebrannt, wohl haben wir sie samt den Juden in grauenvollen* Elend mit de« Resten hastig geretteter Habe längs der Landstrassen leiden un$ trauern sehen. Aber der. Bauer hatte doch nicht sö schwer zu leiden, wie der Städter und besonders der Jude. Ihm half ja der Boden, ihat halfen die Vorräte, die noch geblieben waren, und ihm halfen die Hilfskommitees in den Städten. Ganz anders der Jude. Von seinen Bezurrsund1 Absatzquellen abgeschlossen, verkümmerte fast plötzlich sein Wirtschaftsleben. Djjej,grosse Textilindustrie verlor von einem Tag zum andern ihr -Material, und Fabrik, Handwerk und Heimarbeit wurden mit einem Ruck stillgelegt. Von einem Tage zum andern war etwa ein Dritte! der Ostjuden ohne Arbeit und Nahrungsquelle. Je länger der Krieg sich fortspann, um so mehr verlor auch der Handel sein Material. Die Beschlagnahme wurde weit ausgedehnt, nur wenigen Personen wurde der Handel mit Webwaren freigegeben. Der grosse Aufkaufhandel mit landwirtschaftlichen« Produkten ging mehr und mehr in die Hände von Behörden über und geht jetzt nach der Konstituierung des selbständigen polnischen Staates in die Hände der Polen über. Das bedeutet eine weitere grosse Entziehung von Arbeitsmöglichkeit. * Das Elend wächst ins Riesengrosse. In Polen und Kurland lebten schon im Jahre 1916 die Hälfte aller Ostjuden von öffentlicher Unterstützung. Die Grösse des Elends mögen nur einige Angaben illustrieren: in Warschau hat man normalerweise 11/2mal so viel Geburten wie Todesfälle; im Jahre 1915 hat man nur rund 1700 Geburten gezählt, aber daneben 20 000 Todesfälle. Die Zahl der Toten war dort doppelt so gross wie in normalen Zeiten. Um dieselbe Zeit hat man festgestellt, dass der Flecktyphus, diese typische Krankheit des Hungertodes, bei den Juden verhältnismässSg viermal so stark vertreten war. wie bei den Nichtjuden. [Massenelend und .Massensterben der Juden konnte Iman täglich in den Strassen des besetzten Gebietes sehen. Es wird behauptet, dass es in Warschau jetzt auch nicht eine jüdische Familie des Mittelstandes und der Arbeiterschaft mehr gebe, die nicht einen Fall von Flecktyphus gehabt habe. Und manche Strassen sollten deswegen geschlossen sein. Eine mir glaubhaft scheinende Schätzung behauptet, dass in dem früheren besetzten Gebiet ungefähr ein Achtel der Judenbevölkerung im Kriege gestorben sei, ein weiteres Achtel besonders von Kindern sei für Lebenszeit arbeitsunfähig geworden. Für die wirtschaftliche Zukunft der Juden ist es ausserordentlich wichtig, wie sich Zentrairussland zu dem neuen Staat Polen, zu Kurland, Litauen usw. stellen wird1. Es erscheint ziemlich zweifellos, dass Russland insbesondere gegenüber denjenigen Gebieten, die starke nationale Selbständigkeitsbestrebungen gezeigt haben, nämüch gegenüber Polen iipJj auch wohl Kurland eine Seibständig]<eitsrx)litik betreiben muss. Es wird die Moskauer Industrie gegenüber der polnischen wahrscheinlich noch mehr stärken, als es dies vor und im Kriege schon sehr wirksam getan hat. Es wird versuchen müssen, sich im Dongebiet Ersatz für die in Polen verloren gegangenen Gebiete zu schaffen. Der Waren ström, der bisher Innern Russlands ungehemmt nach verschiedenen Richtungen floss und von dem wir gleich noch sprechen wollen, wird abebben. Russlaod wird sich industrialisieren müssen. Wohl werden grosse Teile