Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 15 (10.5.1919)
- Article
- Schalom Asch
- Date
- 1919-05-10
- Page
- Seite 322 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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320 silbernen Weichselrand hinziehen, auf der anderen Seite stösist «es an dfie Provinz Kujavien . . . Das Land ist eintönig. Nur hie und da werden die endlosen, mit Korn besäten Flächen von der Landstrasse durchquert, die mit Trauerweiden besetzt, von einem Städtchen nach dem anderen führt". ' , So schlicht und anschaulich; schildert Asch sein Heimatland. Und inniger noch malt er seine lieben -kleinen Städtchen. Fast in jed>em ist, wie ein Staat im Staate,, ein richtiges Ghetto. Einige enge Gässchen. Um ein baufälliges Betitaus scharen sich nicht minder gebrechliche Häuschen. Und hier wohnen zusammengepfercht die Nachkommen des uralten Volkes. Lauter Juden. Juden untereinander. Und man hört nichts davon, dass sie — wie man uns das so gerne vorwirft — einander in den1 Haaren* liegen, im 'H&der einander auffressen sollten, im Gegenteil1: Friede herrscht jinter ihnen. Ostjuden nennt man sie in Westeuropa. Das Ostjudentum, wie es sich uns auch aus A s c h s Schriften hcrauskrystallisiert, ist naiv bewusstes Judentum mit latentem Nationaigefühf, das nicht erst künstlich geweckt werden muss. Es ist trotz schwerster Heimsuchungen, unmenschlichster Bedrückung und Verfolgung tradstionstreu, trotz aller Zerfahrenheit einig, als w!äre d'as in den Pogromen vergossene Märtyrerbluf der bindende Kitt, es ist trotz überreizter Anwandlungen ein konservatives Element, aber nicht verknöchert, nicht erstarrt wie das Assimilationsjudentum. Diesem fehlt die Fortentwicklungsmoglichkeit, es stirbt mählich ab, es trocknet ein wie ein Teich, während das Ostjtidentum einem Strome gleicht, der breit dahinfliesst, manchma[ zwar schlasnmijg und träg, manchmal aber hurtig klar und leidenschaftlich 'wogend, besonders wenn eine frische Brise weht. Eine solche Brise war der Zionismus. Unter seinem Banner kamen zum erstenmal seit Jahrhunderten die West- und Ostjuden in Berührung. Im Rausche der Begeisterung, die dem neuen Ideal und dem begnadeten Führer entgegenflammte, übersah man den Gegensatz zwischen Ost und West, den die geographischen, ethnographischen und kulturellen Verhältnisse leider herausgemeisselt haben. Allmählich erst trat er zutage. Ein mehr äusserlicher, künstlich gezüchteter, von ehrgeizigen Agitatoren und Malkontenten ausgeschroteter Gegensatz, an dessen Ausgleichung sowohl, die jüdisch-nationale Bewegung als auch die ostjüdischen Dichter eifrig mitwirken. Die hebräisch und Jargon schreibenden Dichter machen den Westjuden mit der Psyche der Brüder im Osten vertraut und bauen diesen selbst Brücken zur Kultur des Westens. In dieser Annäherungsmission liegt ein gut Teil ihrer Bedeutung, Ihrer Mission bewusst, ringen sie begeistert um eine wahrhaft nationale Sprache. Die einen erneuern und bejeben das Hebräische, die andern veredein und pflegen den Jargon. Um die Dichter scharen sich Gruppen, die miteinander förmlich kämpfen. Auch Schalom Asch hatals einer der Wortführer in den Kampf eingegriffen und sich' dem Jar- . gon zugeneigt. Das anfänglich für profan'gehaltene und stiefmütterlich behandelte Instrument des Jargons wurde erst seit dein vorletzten Dezennium des ^neunzehnten Jahrhunderts von bedeutenden Dichtern, Schalom Aschs