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Neue jüdische Monatshefte · 1919-04-25 · Heft 14 (25.4.1919) · p. Seite 289

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 14 (25.4.1919)
Article
Drei kritische Momente in der jüdischen Geschichte
Date
1919-04-25
Page
Seite 289 (sequence 2)
Language
German
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287 diesen zu überwinden. Er vermochte es, weil er, wie gesagt, an ein Prinzip anknüpfte, das in den Oemütstiefen des Volkes wurzelte und zu gleicher Zeit dem Denken und Fühlen jener ganzen Zeit zu Grunde lag. Die zweite Assimilationskrise, die das Judentum erlebte, war weift gefährlicher Natur. Es war dies um die Zeit etwa des zweiten Jahrhunderts v. Chr., als das nachbabylonische Judentum mit der starken hellenischen Kultur zusammenstiess. Die damalige Judenheit, sehr einseitig ausgebildet, aber für geistige Reize höchst empfänglich, vermochte es für die erste Zeit nicht, sich dem Ideenreichtume des Hellenentums zu entziehen. Sie war bereits im Begriffe dem Hellenentum ganz zu verfallen. Aber anderseits war auch das Judentumder in Frage stehenden Epoche für jeden geistigen Kampf gut ausgerüstet. Es stand in sich gefestigt da und was das Ausschlaggebende war, es standen sich auch hier zum mindesten gleichwertige Prinzipien gegenüber. Hier wie dort herrschten metaphysische Konstruktionen — die Metaphysik des Plato-Aristotelismus einerseits und die des jüdischen Monotheismus anderseits. Die Waffen, mit denen der Kampf ausgefochten wurde, waren zumindest einander ebenbürtig und von nahezu der gleichen Wirksamkeit. Und die des Judentums hatten sogar ein gewisses Uebergewicht. Denn so dürftig die Metaphysik des Monotheismus im Vergleich mit den grossartigen Philosophemen des Hellenentums sich ausnehmen mochte, sie war immerhin religiös verankert und von religiösen Gefühlen imprägniert. Dieser monotheistischen Metaphysik fehlte es allerdings an Farbenpracht und äusserem Glanz, ihr architektonischer Ausbau verriet eine gewisse Primitivität der Phantasie, aber sie erhob sich auf der Basis eines seelischen Resonanzbodens, der all ihren Offenbarungen einen mächtigen Nachhall verlieh. D^cr mangelnde Schwung des spekulativen 'Gedankens wurde von dem Auftriebe der Gefühle reichlich aufgewogen. Das Judentum überwand auch diesmal die Krise. Es war dies unbestreitbar das historische Verdienst der Pharisäer, die den Assimüationsprozess aufhielten. Der Pharisäer, ein vaterlandsloser Patriot, wenn man sich so ausdrücken darf, ein Mann der kühlen Ratio und der innigen Frömmigkeit, verhalf dem jüdischen Volke zum Siege über die hellenische Assimilationsgefahr. Die dritte grosse Krise im Leben des Judentums datiert von den Tagen der grossen französischen Revolution. Auch hier wirkten analoge Ursachen: der Zusammenpral! zwischen zwei Kulturen, von denen die eine intensiv, harmonisch ausgebildet, aber eng bemessen war, die andere hingegen einen verblüffenden Farbenreichtum bot und unendliche Perspektiven eröffnete. Unter dem Zeichen dieser Krise steht mehr oder weniger die gesamte Judenheit bis auf diesen Augenblick. Diesmal aber gibties für das Judentum keine -Aussicht auf Ueberwindung der Krise durch geistige Einkehr. Die Kampfesmittel des antiken und mittelalterlichen Judentums — jüdisches Mittelalter hört für uns erst mit der Epoche der grossen französischen Revolution auf — gelten weder für die Juden noch für die Anderen etwas. Für diesen letzten Kampf ist das bisherige Judentum geistig ungerüstet: Theismus und Metaphysik spielen keine Rolle mehr im geistigen Leben der Völker. Andere Waffen aber wird jenes Judentum, das sich erhalten will, im Arsenale seiner nationalen Kultur nicht finden. Will das Judentum diese dritte Assimilationskrise glücklich überstehen, so muss es in seinem Kampfe mit den auflösenden Mächten zeitgemässe und ebenbürtige Mittel anwenden: das Judentum muss sich staatlich und wirtschaftlich konstituieren.

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