Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 14 (25.4.1919)
- Article
- Drei kritische Momente in der jüdischen Geschichte
- Date
- 1919-04-25
- Page
- Seite 288 (sequence 1)
- Language
- German
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286 Drei kritische Momente in der jüdischen Geschichte Von Dr. R. SeVigmann ^PS^/ifft* <3em Momente der Emanzipation ging dem jüdischen Volke das |\/jvi Bewusstsein seiner historischen Kontinuität verloren; mit diesem «^Augenblicke riss der Faden seiner national-kulturellen Tätigkeit entzwei. Seit diesem Augenblick mögen die Juden am allgemeinen Kulturleben ihrer- Zeit den intensivsten Anteil genommen, und auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft und Kunst Ausserordentliches geleistet haben. Aber eine selbständige Kultur in jenem eminent nationalen Sinne, wie es das jüdische Volk bisher aus seinem eigenen Geiste heraus entwickelte, eine einheitliche Kultur, die zugleich eine eigenartige Stellungnahme zur Welt und zum Leben in sich verkörperte — eine derartige Kultur konnte die Judenheit, wie gesagt, nur in ihrer bereits verblichenen Vergangenheit, aber nicht in ihrer koaikret-lebendigen Gegenwart aufweisen» Seit diesem Momente wurde es den Juden immer schwerer, sich als selbständige gesellschaftliche Einheit inmitten aller anderen gesellschaftl&hen Einheiten zu behaupten, es wurde ihnen immer schwerer, in ihrer Eigenschaft als Nation es mit allen anderen Nationen aufzunehmen, da ihnen die materiellen, den innen- und aussenpolitischen Bestand einer lebendigen Nationalität verbürgenden Grundlagen fehlten. Die Judenheit befand sich vor dem Problern der Assimilation und steht vor ihm bis auf den letzten Augenblick. . * Es rvvar und ist dies die dritte grosse Krise im Leben des Judentums. DSje erste Krise dieser Art erlebte da3 Judentum ungefähr um das 9. Jahrhundert vor Chr., als der junge und robuste Hirtenstamm in seinem ungestümen Eroberungsdrange aus einer unwirtlichen Wüstengegend sich den Weg zu dem verhältnismässig gut bebauten und kultivierten Kanaanlande bahnte. Der rauhe Eindringling mit seinen dürftigen Vorstellungen von dem Wüstengotte Jahve und dessen kriegerischen Tugenden konnte auf die Dauer dem kulturellen Einflüsse der eroberten Einsassen und dem Reize ihrer Baalkulte nicht Widerstehen. Der ackerbautreibende Kanaanite, der es zu einem ziemlichen Wohlstande brachte, sich leidliche Manieren aneignete, und auf grünen Hügeln unter blühenden Bäumen opferte, musste dem ungeschlachten Sohne der Wüste imponieren. Der Hebräer begann den neuen reizvollen Kulten mit Eifer zu huldigen -~ und vor dem jungen, noch unkonsolidierten Judenlume erhob sich die Gefahren eines fast vollständigen Aufgehens in den Sitten und Gebräuchen der. fremden Umgebung. Diese Gefahr war sehr nahe, aber nicht unabwendbar, denn das Mebräertum jener Zeit, so jung und unerfahren es sein mochte, war im Besitze eines Prinzips, das den fremden Kulten zum mindesten sich als ebenbürtig zeigte. Dieses Prinzip, der Theismus, herrschte hier wie dort. Ob Baal oder Jahve — der Glaube an eine oberste Gewalt übermenschlicher Art machte sich hier wie dort" geltend, und in dessen Banne stand das geistige Leben der einen, wie 'der anderen Volkspruppe. Das Hebräertum hatte sogar einen Vorsprung. Es besass noch frische Reminiszenzen aus seiner Wüstenzeit, die sich unter dem Zeichen Jahves befand — einer etwas unduldsamen und eifersüchtigen Gottheit, die sich die Herrschaft über die Gemüter nicht so leicht streitig machen Hess. Dieser Vorsprung wurde nun von den Propheten ausgespielt, die den Kampf mit den Baalkulten aufgenommen hatten. Der hebräische Prophet, der in seiner Person einen patriotischen Eifer mit einer Art sozialen Revolutionalismus verband, eröffnete mit Erfolg den Feldzug gegen den hereinbrechenden Auflösungsprozess. Es gelang ihm,