Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Sozialisierung in Palästina
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 247 (sequence 5)
- Language
- German
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245 ab. Die Aussichten in dieser Richtung sind keineswegs ungünstig, vielmehr in hohem Maße ermutigend. Es ist gelungen, das amerikanischjüdische Kapital für Palästina in erheblichem Maße mobil zu machen. Das judische Bürgertum Polens, Galiziens und der Ukraine legte letzten in seiner wirtschaftlich kräftigen Oberschicht tatkräftiges Interesse für. das palästinensische Siedlungswerk an den Tag. Noch mehr ist vom jüdischen Großkapital Großrußlands zu erwarten, das in seiner gegenwärtigen Gefährdung durch die bolschewistischen Sozialisicrungsmaßnahmeii den Weg nach'Palästina suchen und finden wird. (Es liegen bereits darüber glaubwürdige Berichte vor.) Es gehört nun keine blühende Einbildungskraft dazu, um sich zu vergegenwärtigen, wie das immer lauter werdende Sozialisierungsschlagwort auf diese Bestrebungen des jüdischen Privatkapitals, dessen Palästina im gegenwärtigen Moment so benötigt wie zu Jahresbeginn des Frühregens, wirken müssen. Unsere amerikanisch-jüdischen Blätter haben uns leider darüber nicht berichtet' welche Stimmungen der Pittsburger Beschluß in den Kreisen des palästinafreundlichen jüdischen Kapitals hervorgerufen hat — falls ein derartiger Beschluß in diesen Kreisen überhaupt ernst genommen wurde. Das jüdische Großkapital Rußlands wird schwerlich der Scylla des nissischen Bolschewismus entgehen, um der Charybdis einer palästinensischen Sozialisierung in die Arme zu laufen. Daß der jüdische Bürger Polens und Galiziens seine letzten Groschen auf dem Altare der Sozialisierung darzubringen bereit sein wird, ist füglieh sehr unwahrscheinlich. Es kann keinem Zweifel unterliegen: Sozialisierung bedeutet für uns Verzicht auf Privatinitiative und Privatkapital. . Verzicht auf die Privatinitiative und Privatkapital bedeutet für das jüdische Palästina Verzicht auf die Zukunft. Unsere Vergesellschaftcr mögen sich dessen bewußt sein, daß durch die Verquickung unserer nationalen Lebensnotwendigkeit mit einem vagen sozialen Ideal das Lebensinteresse des jüdischen Volkes gefährdet wird. Unsere Lebensfrage ist gegenwärtig die nationale Gerechtigkeit, nicht die soziale. Es ist nicht nötig, unsere nationale Aufgabe in einem Moment heillos zu erschweren, in dem wir ihr nur durch Aufgebot der letzten Kraft gewachsen sein können. Es führen auch viele Wege zur Gerechtigkeit; der gangbarste und sicherste ist die Landarbeitersiedlung auf. Grundlage des Individualbesitzes, wie sie überall und auch in Palästina mit Erfolg versucht worden ist. Verschuldung' und Spekulation sind durch wesentlich einfache Maßnahmen hintangehalten.) En-G an im hat über Merchawja gesiegt, es wird auch über die neue Vergesellschaftungschimäre den Sieg davontragen. Alle diejenigen, die nicht gewillt sind, die Gefährdung der nationalen Aufgabe durch ein vages soziales Ideal zuzulassen, haben indessen keinen Grund zur Zagnis. Die Pittsburger Beschlußfasser wie die Berliner Forderer und alle diejenigen, .die ihres Geistes sind, haben schließlich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Unter britischer Plagge gedeiht die radikale Sozialreform Neuseelands,- aber nie und nimmer ein bolschewistisches Palästina.