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Neue jüdische Monatshefte · 1919-02-10 · Heft 9-12 (10.2.1919) · p. Seite 232

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 9-12 (10.2.1919)
Article
Aus der Sprachgeschichte der Juden
Date
1919-02-10
Page
Seite 232 (sequence 12)
Language
German
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"'230,___________________..............___________......................._ *' ~~ ' . Entwicklung. Die großen Lautverschiebungen und Sprachwandlungen gingen immer dann vor sich, wenn das Band zwischen Eltern und Kindeni gelockert oder zerrissen wurde. Das braucht keineswegs künstlich zu sein. Das ging ganz natürlich vor sich. Deshalb fallen die großen Sprachverschiebungen in die Zeiten, wo gewaltige Kriege das Familienleben zerschlagen haben oder wo geistige Umwälzungen, wie es namentlich die Religionsbildungen sind, die Kluft zwischen Eltern und Kindern, zwischen dem absterbenden und dem werdenden Geschlechte aufreißen. Daher bilden die Einführung des Christentums und seine Erschütterung durch die religiöse Revolution des sechzehnten Jahrhunderts neben der Völkerwanderung und dem dreißigjährigen Kriege so große* Einschnitte in der Sprachgeschichte der uns umgebenden Bevölkerung Europas. Das herzinnige Einvernehmen von ' Eltern und Kindern wirkt den konservativen Charakter des Judentums. Das traute Familienheim hat dafür gesorgt, daß die Sprache der Juden tiberall besondere Altertümlichkeiten aufweist. Das ist ebensosehr im Judenpersischen wie im Spagnolischen und Jüdischdeutschen der Fall. Wie stark die Umschichtung der Gedankenwelt auf die Sprache «ines Volkes einwirkt, das sehen wir auch insofern bei den Juden, als die Assimilationsbestrebungen in Deutschland in inniger Wechselbeziehung zu dem Schwinden des Jüdischdeutschen und zur Einführung der reinen hochdeutschen Sprache bei den deutschen Juden stehen. Der Übergang der Juden anderer Länder zu den verschiedensten, namentlich slawischen Sprachen, aber auch zum Magyarischen gehört dahin. Eine viel gewaltigere Geistesrevolution innerhalb des Judenvolkes als die ganzen Emanzipations- und Angleichungsbestrebungen bedeutet aber jene neuerwachte nationale Bewegung, die abgesehen von manchen interessanten Vorläufern kaum älter als dreißig Jahre ist, und die durch eine staunenswerte Entwicklung, die an das Chanukahwunder erinnert. ■ schon jetzt an den offenen Pforten ihrer Hoffnung steht. Diese Bewegung, die das gesamte jüdische Volk bis in seine tiefsten Tiefen erfaßt und erschüttert hat, und die erst jetzt, -wo man gar nicht anders können wird, als nationaler Jude zu sein, erst recht das jüdische Volk innig durchdringen wird, hat natürlich auch sprachbildend gewirkt und wird mit ihrem weiteren - Fortschreiten erst recht ihre sprachschöpferische Kraft erweisen. Durch sie ist das neue Hebräisch entstanden, das wieder im Munde'von Kindern und Säuglingen gelallt wird. Daß im heiligen Lande die dem Volke heilige Sprache zu neuem Leben erwacht ist und sich von dort mit Riesenschritten über die Judenheit auch in anderen Ländern ausbreitet und die Surrogate der Judensprachen verdrängt, ist eine ganz natürliche Entwicklung. Damit aber kehrt das -jüdische* Volk nicht bloß räumlich zum Ursprünge seines Stammestums zurück. Die Bibel, das Land- und die Sprache der Patriarchen wird wieder lebendig. Das Blut der Ahnen regt sich, und neues Leben er- Müht, wo heute», noch Trümmer und Verfall das Farbenbild des Landes und dos Volkes geben. Damit aber stehen wir mitten in der Regeneration, in der Wiedergeburt des Volkes Israel in seinem eigenen Lande und in seinem ureigensten Geiste.

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