Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 9-12 (10.2.1919)
- Article
- Das Galuthproblem und der Zionismus
- Date
- 1919-02-10
- Page
- Seite 197 (sequence 15)
- Language
- German
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195 mehr leisten können, daß wir Zusammenfassung' und Überbrückung brauchen, darin werden wir alle gleicher Meinung sein mit Heinrich M a r g u 1 i e s. Auch hier ist es selbstverständlich notwendig, daß wir scharf den Trennungsstrich ziehen zwischen uns und den anderen. An dem Bekenntnis zum jüdischen Volk werden wir unter keinen Umständen rütteln lassen. Aber da wir die Notwendigkeiten des Galuth begreifen, werden wir auch ein klein wenig mehr Verständnis aufbringen müssen für die Mentalität der jüdischen Brüder, die für ihre Stellung in Staat und Gesellschaft fürchten. Nicht alles ist Assimilation, was wir so in der Hitze des Kampfes bezeichnen und mit dem Zeichen der Verachtung stempeln. Auch sie wollen das Beste für das Judentum. Wir haben nicht das Hecht, sie als „Objekte unserer Verdächtigung44 zu behandeln. Lehren wir sie. unermüdlich, daß das Bekenntnis zum jüdischen Volke uns nicht hindert, mit ihnen gemeinsam den Kampf für die volle Gleichberechtigung im Staate zu führen, zeigen wir ihnen aber auch, daß es uns ernst ist mit der Durchführung auch dieser Forderungen des Kopenhagener Programms. Spotten wir nicht über ihre Methoden im Kampfe gegen den Antisemitismus, unseren gemeinsamen Feind, sondern zeigen wir ihnen, wie sie es besser machen können, wie sie größere Erfolge erzielen können. Die große Staatsumwälzung wird auch die deutschen .Juden von ihrer durch die Unsicherheit ihrer staatsbürgerlichen Stellung bedingten starren Ablehnung des jüdischen Volksbegriffes und damit von ihrer Gegnerschaft gegen den Zionismus alimählich befreien. Machen wir es ihnen nicht gar zu schwer durch eigene Rücksichtslosigkeit und Konsequenzenmacherei. Es ist falsch, in diesem Augenblick ein Glaubensbekenntnis in Dingen zu verlangen, die für sie noch etwas Fremdes nnd Unfaßbares sind. Unsere Aufgabe ist es vielmehr, Richtlinien zu finden für eine großeReihe v on A k t i o n e n, die wir gemeinsam ausführen können. Die P a 1 ä s t i n a a r b e i t, der Kampf für die Gleichberechtigung in Staat und Gesellschaft nicht nur bei uns. sondern in allen Ländern, wo sie noch nicht durchgeführt ist, alles das sind solche gemeinsamen Aktionen, ganz abgesehen von der großen Reihe ' innerjüdischen Fragen, in denen uns wesentliche Differenzen nicht trennen. Auch Margulies hält den Zeitpunkt für gekommen,'daß der Kampf zwischen T hesis und Antithesis durch eine S y n - t h e s i s überbrückt wird. Kein faules Kompromiß. Wir Zionisten werden unsere Fahne nicht fein säuberlich zusammengerollt in die Tasche stecken. Aber mit offenem Visier ein Bündnis erstreben, das die Sammlung und Zusammenfassung aller deutscher Juden zu gemeinsamer Arbeit schafft, ist eine Aufgabe, an deren Bewältigung wir deutsche Zionisten mit dem Eifer und der Energie, die alle unsere Aktionen auszeichnet, herangehen wollen. Wir werden so dem Zionisrau s und damit dem j ü d i h c h e n V o I k e nützen, wenn wilden schroffen Parteistandpunkt verlassen und die. geistige Bewegung werden, welche das jüdische Volk in seiner Gesamtheit u m f a ß t.