Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1919)
- Article
- Ein Spinozaroman [Rezension]
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 176 (sequence 6)
- Language
- German
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174 Leiber zerrissen. Niemand wollte unbeteiligt bleiben. Jemand hält beide Herzen hoch und ihm5 wurde zugeschrien: Den Hunden schmeißt es fort! Spinoza, wirft seine Geldbörse und kauft die Herzen der größten Söhne Hollands ab. Er gibt diesen teueren Schatz an die Schwester der Ermordeten, an Johanna de Witt. Zweimal weinte Spinoza, Einmal in seiner frühen Jugend, als er am Strand stand und sah, wie das Schiff mit seinem .Tröster und Erzieher Rabbi Jehüda nach Brasilien fortsegelte; und zum zweiten Male jetzt, als die Katastrophe über den de Witts hereinbrach. Zwar fand sein Geist gleich die Euhe in einem milden, alles verstehenden Lächeln, sein schwacher Körper , aber ertrug <es nicht mehr. Von seinem Krankenlager stand er nicht mehr auf. Sein Grab ist unweit des Grabes Jan de Witts ... Der Roman Kolbenheyers verschaffte mir bem Lesen einen selten reinen, erhabenen Genuß, wie nach einem langen Atmen reiner Bergluft. Ist denn übrigens die .ganze Lehre Spinozas nicht Gletscherluft? Erhaben, rein, klar, aber kalt. Nur Helden können in dieser Atmosphäre leben. Das ist eine Lehre für Auserwählte, für Aristokraten des Geistes. Spinoza war der Held und der wahre Monarch im unendlichen Eeiche des Geistes. Der Dichter' Beer-Hofmann Von Kurt Walter Goldschmidt, Berlin. ^\^lfS^K er spricht heute noch vom Dichter Beer-Hofmann? iXo^r«! ^arL kennt ihn zur Not noch als den Dichter eines ©VclSVöl Werkes, des „Grafen von Chaiolais", der vor Jahren einmal für ein paar Wochen als Buch und Bühnenstück von sich reden machte. Als ob nicht von jeher in der Geschichte der Literaturen der vir unius libri ein besonderer und vornehmer Typus gewesen wäre — und als ob es nicht gerade von seltener Zucht und Höhe des Geistes zeugte, in einem Werke den ganzen Voll- und Reingehalt seines Wesens und Könnens zu sammeln. Übrigens ist Beer-Hofmann ja gar nicht im strengsten' Wortsinne der Mann eines einzigen Buches; er produziert nur schwer, tief und langsam. Unzeitgemäßheit, zumeist die suenschliche Bedingung echter und großer Kuiist, ist aber für die Augenblickswirkung natürlich verhängnisvoll. Der wahre Künstler ist immer Aristokrat, der sich, seine Notwendigkeit des Reifens und Wirkens zum Maße alier Dinge macht, und es ist geradezu sein Prüfstein, ob er T?-arten Sind schweigen kann und muß. Die Geschichte der ICünste bezeugt es durchaus; der tiefe Mensch und der große Künstler muß mit dem eigenen Dämon Zwiesprache haltep. und in die Tiefe von Welt und Seele hinablauschen, und Kunst will nicht gemacht und erkämpft, sondern erwachsen und geboren sein. -Nur aus innerem Erleben erzeugt sich Form, und Form will reifen, wie das Erlebnis reift. Beor-Hofmann gehört zu den heut ganz selten gewordenen Dichtern, <Iio aus seelischer Keuschheit und!Tiefe, wie aus künstlerischem Ge- •wissen, lieber schweigen als reden. Seit dem „Grafen .von