Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1919)
- Article
- Jüdisches Volkstum und deutsches Staatsbürgertum
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 155 (sequence 5)
- Language
- German
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153 ihren heimatlichen Dialekt, so werden sie einander kaum vorstehen. Der Rheinländer vom Niederrhem versteht den Holländer sehr gut, aber den Schlesier kaum. Im Temperament, in. der Nahrung, der Kleidung-, in dem was sie lieben oder verschmähen sind die Unterschiede ungemein groß; ja ein bayerischer Jude und ein bayerischer Nichtjudc haben von vornherein mehr gemeinschaftliches Geistesgut als der bayerische Katholik mit dem protestantischen Mecklenburger. Unter den Bewohnern der verschiedenen Großstädte ist vollends eine weitgehende Verähnlichung eingetreten. m Überdies haben im Laufe der deutschen Geschichte sehr oft zwischen den deutschen Stämmen Spaltungen und Gegensätze trennend eingegriffen; Ostpreußen oder Posen hat fast bis 1848, ja bis 18GG eine von Bayern oder Bilden ganz unabhängige Vergangenheit, und es ist ja bekannt, daß oft genug die Degen zwischen den Bayern und den Preußen gekreuzt wurden (175G, 1813, 1806). Warum wir hier daran erinnern? Man wird es sofort sehen. Denken nun die Bayern daran, diese ihre Sondergeschichte und Sonderart zu verleugnen und vergessen zu machen, behaupten sie* daß sie nur deutsehe Bürger sind, und schämen sie sich der Talsache, daß sie innerhalb der Bejahung des Deutschen Reiches noch eine Bindung an den Stamm haben, den sie im Engeren als „ihr Volk41 bezeichnen, und daß sie in den Zeiten des eben gestürzten Kaiserreichs mit so lebhafter Neigung an Österreich hingen? Das G egente.i 1 ist der Fall. Sie betonen überall ihr Bajuvarentum. Dasselbe tun alle deutschen Stämme: Hannoveraner und Thüringer, Schwaben und'Märker. Dahat nehmen sie ihrer Stellung jede Schiefheit. Sie kehren so etwaigen Angreifern stolz den Schild mit ihrem Wappen entgegen, an dem si<* zu erkennen sind.. Und dasselbe müssen die deutschen Juden tun. Sie müssen sich ihres jüdischcrPf olkstums bewußt werden. Sie stellen sieh damit nicht außerhalb des Reiches. Sie sprechen damit etwas aus, was tatsächlich besteht, was weder ein Unglück, noch eine Schande Ist, und was ihnen nur dadurch, daß sie es so ängstlich zu vorheimlichen suchen, zum Verdacht und zur Schiefheit wird. Wir wissen ganz genau, daß ein Unterschied zwischen der Stellung eines germanisch-deutschen Volksteils und der Stellung des deutschen Judentums ist. Aber dieser Unterschied, welcher ja gerade zur Bewußtheit erhoben-werden soll, ist nicht so tiefschneidend, daß nicht mit vollem Rechte hier eine Parallele gezogen werden dürfte. Nur die Fanatiker des Blutmystizismus, die von der blonden Auserwähltheit gefabelt haben und mit ihrer Herrschergeste die Politü. des Reiches in barbarische Blutbahnen gejagt haben, werden sich dagegen wehren. Und selbst sie. hätten nur dann Recht, wemywir die Vermischung predigten. Wir aber wollen nur die wahre Öleichberechtigung nationaler Eigenart erreichen, indem wir den deutsehen Juden nahelegen, zu bekennen: wir sind selbstbewußte deutsche Juden und wollen unser Judentum erhalten und leben, bekennen und darstellen. Wir denken nicht daran, damit aus der Gemeinschaft des deutschen Staates zu scheiden.