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Neue jüdische Monatshefte · 1919-01-10 · Heft 7-8 (10.1.1919) · p. Seite 153

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 7-8 (10.1.1919)
Article
Jüdisches Volkstum und deutsches Staatsbürgertum
Date
1919-01-10
Page
Seite 153 (sequence 3)
Language
German
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151 selbst verpflichtet sind? Und besteht zweitens ein Widerspruch zwischen diesen beiden Bejahungen? Sehließt das eine das andere, falls es bestehen sollte, aus? Oder aber vertragen sich, ohne einander zu beeinträchtigen, diese beiden Bindungen? Wir stellen diese Frage in dem ganzen Ernste, mit der sie gestellt worden muß. Sie faßt das Lcbensproblcm der deutschen Juden in ihre Worte. Sie ist die Schicksalsfrage der deutschen Juden. Nach ruhiger Prüfung der Sachlage selbst muß jeder Jude zugeben, er müsse die erste Frage bejahen. Ja und dreimal ja, er hat eine andere, lebendige Bindung an das jüdische Yolk. Seine Geschichte ist verflochten in die jenes kleinen und genialen Mittelmcerstammes, der das religiöse und sittliche Leben des westlichen Teils dieser Erde entweder geschaffen oder tief beeinflußt hat. Er trügt mit jedem Juden die Last der Zerstreuung unter die Völker, den Antrieb zu sozial sittlicher Gestaltung des Lebens (das, was man die jüdische Wohltätigkeit nennt, ist ein Ausfluß dieses Grundtriebes), den unter Nordvölkern leicht kennbaren Typus des Semiten und Mittelmeermensehen; er hat mitzutragen an dem Erbteil von Unverstehen und Abneigung, das, aus der Empfindung der Blutverschiedenheit dunkel aufsteigend, aus Quellen der Religioiisgeschichte gespeist, von wirtschaftlichen Motiven leidenschaftlich ergriffen und propagiert, noch heute, ja heute gerade wieder gegen den Juden im Schwange ist. Denn wenn die Freunde der Vogel-Strauß-Politik sagen, gewisse politische Gruppen des deutschen Volkes suchten ein Sündenbock für die eigenen Verfehlungen, um das Volk von den wahren Schuldigen'der heutigen Nöte abzulenken, so fragen wir: warum wählt man in allen Ländern gerade den Juden1? Warum nicht irgendwelche anderen Volksteile, z. B. Deserteure oder Großindustrielle oder Klerikale oder sonst eine ganz beliebige geschlossene Gruppe? Weil eben der Jude als Ziel leichter bemerkbar ist! Und er ist bemerkbar, v>eil diese Abneigungen gegen ihn dumpf vorhanden sind und nur aufgeregt zu werden brauchen. Und das Gefühl der Gemeinsamkeit von Urzeiten her verbindet ihn mit den Juden jenseits der Grenzen besonders nach Ost und Südost, weil dort dasi Jüdische des Juden sich in jeder Beziehung .reiner bewahrt hat als anderswo; ja. man kann sagen, je reiner ein Jude seine jüdische Art fühlt, er stehe zu der Religion seiner Urväter wie er wolle, um so vertrauter und näher, ja, über eine gewisse Unheimlichkeit weg die #us der Scham, weniger jüdisch zu sein, und aus der unterbewußten Erinnerung fliehen mag — als sähe ein Mann seine Urahnen, die seit dreihundert Jahren im Grabe ruhen, lebendig auf ihn zukommen .— um so ergreifender und erregen der erkennt man die eigene Art in diesen so anders lebenden Menschen. Zwischen Juden und Juden besteht, auch wenn sie einander nicht kennen, keine Fremdheit. Und tritt dazu erst der Zauber der religiösen Sitten, die dort im Osten ohne Scham und stolz geübt werden, des lebendigen jüdischen Geistes, der Gelehrsamkeit, des Gebets und Gottedienstes — so muß man die völlige Entfremdung eines Professors und Bücherwurms haben, um nicht sein Volk im Ostjuden zu finden. -

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