Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1919)
- Article
- Jüdisches Volkstum und deutsches Staatsbürgertum
- Date
- 1919-01-10
- Page
- Seite 152 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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150 umgeben; zu Meeschen, die in derselben Sprache sprechen wie wir, dfe in großen allgemeinen Fragen von den gleichen Empfindungen und HoÖ-$ nungen bewegt werden" wie wir. Geht es ihnen allen schlecht, so aucir* uns; i&t ihre Existenz bedroht, so auch die unsere, nicht als Folge, sondern gleichzeitig, in unmittelbarer Einheit; und große Ereignisse, dio freudig oder schmerzlich den Staat betreffen, treffen unser Herz mit Freude oder Schmerz. Die Grenze des Staates — das ist, natürlich ge>- sprochen, diejenige Stelle, wo Menschen, zu wohnen beginnen, mit denen wir uns nicht mehr mühelös .verständigen können, wo eine geistige Schranke aufgerichtet ist, die sich gerade in den feinsten und heimlichsten Angelegenheiten des Geistes am empfindlichsten zeigt. Und die Vergangenheit des Staates—'das sind die Erlebnisse unserer Eltern und Voreltern, die uns gezeugt haben und in uns so wirksam sind, daß wir uns dessen erst sehr spät und mit tiefem Staunen ganz bewußt werden — wir, die deutschen Juden. Zur Zeit des großen Friedrich, als der Siebenjährige Krieg ganz Preußen verwüstete, waren die preußischen 'Juden keine vollgültigen, allberechtigten und freien Bürger des preußischen Staates. Aber die Schicksalswechsel dieser Zeiten trafen sie ganz so tief wie die rechtlich freieren Nichtkämpfer des Staates — Sieg und Untergang des großen Königs entschied auch über ihre Geschicke. Und als die Freiheitskriege den erniedrigten preußischen Staat in die Höhe rissen, nahm der allgemeine Aufschwung auch diö preußischen Juden mit empor, und neben den christlichen kämpften, fielen auch jüdische Freiwillige. Wie damals, so heute. Um die Jahreswende, die eben hinter uns liegt, standen über zweieinhalb Millionen .Stühle an den FamilientLschen Deutschlands leer — die Jünglinge und Männer, die sie einst einnahmen, lagen im Grabe oder trugen das Elend der Gefangenschaft. Und die volle Zahl der jüdischen Familien dieses Landes hatte ihren Anteil an dieser Zahl. Was bedeutet es, wenn wir sagen, wir seien Bürger des Staates, den wir bejahen. Und wir bejahen das Deutsche Reich. Wir haben es bejaht, als unsere Heimat ein Machtstaat war, dessen herrschende Kaste uns verachten zu können glaubte, weil sie ihr Leben nach anderen Wertordnungen bemaß als wir; und wir bejahen es heute um so freudiger, wo es ein demokratischer, auf der Mitarbeit des freien Bürgers aufgebauter Staat werden will, wo die Wandlung erreicht ist, an der unsere Besten seit Johann Jacoby und GabrielRiesser, seit Heinrich Heine und Ludwig Börne, seit Karl Marx und Ferdinand Lassalle mit ihrem ganzen, in jüdischer Hingabe brennenden Wille9 gearbeitet haben. Wir, die das Deutsche Reich in den Tagen seines Glanzes wie in denen der Not unsere Heimat nennen, sind Teile der deutschen Staatsgomeinschaft. Niemand kann in vollem Ernste, als einsichtiger Mann, uns diese Verbundenheit bestreiten. Aber, fragen wir jetzt, sind wir nur das? Hat nur das Deutsche Reich, das deutsche Volk Anrecht auf unsere Verbundenheit? Oder gibt es erstens hoch andere Beziehungen, die zu bejahen wir vor uns