Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 6 (25.12.1918)
- Article
- Die sozialen Lehren der deutschen Revolution für den Neuaufbau Palästinas
- Date
- 1918-12-25
- Page
- Seite 132 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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130 * Die sozialen Lehren der. deutschen Revolution für den Neuaufbau Palästinas*) Von Dr. Fritz Sternberg, Breslau. 8 kann als unzweifelhaft gelten, daß die deutsche Revolution auch für das Schicksal der Judenheit von ganz besonderer Bedeutung sein wird. Ein vom Staate begünstigter Antisemitismus ist im neuen Deutschland — auch den Fall gesetzt, daß die Sozialisten aller Schattierungen in der Nationalversammlung die Majorität-nicht besitzen — ausgeschlossen. Andererseits wird die Regierung den oiationaljüdischen Bestrebungen, der Schaffung eines{ Kongresses der deutschen Juden auf breitester demokratischer Basis ungleich sympathischer gegenüberstehen als jedo frühere. Die Wirkungen der deutschen Revolution werden sich jedoch nicht auf die deutschen Juden beschränken. Ihre Ausstrahlungen werden weit über Deutschlands Grmzen reichen, und insbesondere wird die wirtschaftliche Umwälzung— wie auch immer isio sich gestalten wird — für den sosialen Neuaufbau Palästinas von weittragender Bedeutung sein. Wenige Worte zur Erläuterung dieses Tatbestandes: Nachdem sich die politische Lage für die Verwirklichung des Zionismus so überaus günstig ge&taltet hat, dem Zionismus Kapitalien zur Verfügung stehen wie nie zuvor, nachdem der nationale Gedanke unter den Juden der ganzen Welt siegreich Boden gewonnen hat, kann man mit einer jüdischen Einwanderung in Palästina rechnen, die sich jedem Maßstab, wie wir ihn vor 1914 gewohnt waren, entzieht. Es ist völlig ausgeschlossen, daß diese Massen auch zum größten Teil sich in der Landwirtschaft betätigen können. Daher müssen sämtliche industriellen, gewerblichen und Handelsmöglichkeiten, die durchaus nicht gering sind, auf alle Weise ausgenutzt, werden. Nur so können wir unser politisches Ziel erreichen: in Palästina in möglichst kurzer Zeit zur Majorität zu werden. Infolgedessen sind die Fragen der sozialen Struktur des Arbeitsprozesses in Industrie, Gewerbe und Handel in Palästina von kaum zu überschätzender Bedeutung. In der gesamten zionistischen Literatur auch während des Kriege« findet sich jedoch meines Wissens kein positiver Vorschlag über die soziale Form des zukünftigen Wirtschaftslebens in Palästina. Nur bei der landwirtschaftlichen Kolonisation denkt man an ein Obereigentum des jüdischen Volkes, eventuell an die Schaffung einer jüdischen Gesellschaft mit umfassender gesetzgeberischer Gewalt, der jeder Bodenkauf im Lande untersteht, an ein Weitergeben des Landesiu Erbpacht, um jedes landwirtschaftliche Monopol, jeden Bodenwucher, jede Latifundienbildung oder Parzellenwirtschaft sogleich an der Wurzel m beschneiden. *) Dieser Aufsatz tritt entschieden für eine Sozialisierung in Palästina, ein, wir werden diese Frage auch von einem entgegengesetzten Standpunkt behandeln lassen. Die Redaktion.