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Neue jüdische Monatshefte · 1918-12-25 · Heft 6 (25.12.1918) · p. Seite 118

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 6 (25.12.1918)
Article
Die Wirkungen der jüdischen Wanderungen
Date
1918-12-25
Page
Seite 118 (sequence 2)
Language
German
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116 Umfang absolut richtig erfassen. Und doch gibt es in der jüdischen Gegenwart Erscheinungen, die ein besonders feines und präzises Verstehen erfordern, ein tätiges Eingreifen, ein mutiges Gestalton, auf daß daß jüdische Leben ein neues Antlitz erhalte. Die jüdischen Wanderbewegungen der Neuzeit gehören zu den Tätsachen der jüdischen Gegenwart, die geeignet sind, den gesamten Aufbau des jüdischen Lebens in den verschiedensten Ländern, in die nus die Wanderer gelangen, wenn nicht von Grund aus umzuändern, so doch auf den Entwicklungsgang der vielen jüdischen Zentren einen mehr oder weniger starken Einfluß auszuüben. Der Schwerpunkt des jüdischen Lebens in England hat sich wesentlich verschoben, seitdem ein größerer Teil der jüdischen Wanderer sieb dort niedergelassen hat, und in Amerika wurden von den Wanderern ganz neue mächtige Zentren begründet. Aber auch in den Ländorn, dio nur eino .verhältnismäßig kleine Zahl von Wanderern boherbergon (Palästina), haben sie die innere und äußere Struktur des Judentums schwerwiegend beeinflußt. Es waren die großen Wanderungen, die auch in der jüdischen Geschichte um- und aufbauend, aber auch zerstörend wirkten. Es gibt keinen anderen Faktor der jüdischen Geschichte, der in solchem Grade das umbauende, das gestaltende Moment besitzt, wie dio jüdischen Wanderungen. Sie brachten immer eine starke Umgestaltung der alten Lebensformen mit sich, und sie hatten sehr oft ein fast völliges Verschwinden der Juden in einem Erdteil und ein Aufloben und Emporkommen in neuen Ländern zur Folge. So ist es eine besonders lohnende, aber auch ungemein schwierige c>Aufgabe, die Wirkungen der jüdischen Wanderungen theoretisch herauszuarbeiten, während eine Beschreibung der tatsächlichen Wirkungen sich mit mehr oder weniger Trefflichkeit leicht ermöglichen läßt *). Die Beleuchtung der Struktur der Wanderungen, die wir im *) Die Frage nach den Wirkungen der Wanderungen ist in der Literatur bis jetzt nur wenig und einseitig behandelt worden. Sehr fein, aber leider zu fragmentarisch ist die Abhandlung von Prof. Dr. Eugen v. Philippow i c h „Auswanderung" im Handwörterbuch der Staatswissenschaften Bd. 2. Grundlegend für die wirtschaftliche Behandlung der Frage ist der folgende fundamentale Satz von Philippowich : „Eine isolierte Betrachtung des wirtschaftlichen Wertes der Auswanderung ist ohne Nutzen, denn die Berechnungen entbehren jeder realen Grundlage. Erst eingefügt in das Leben der Volkswirtschaft, in der Gütererzeugung, im wirtschaftlichen Verkehr und Gütorverbrauch kommt den Menschen dasjenige zu, was man ihren wirtschaftlichen Wert nennen könnte." p, 277. Einseitig und nur vom proletarischen Standpunkte aus ist das Problem anläßlich des Stuttgarter Sozialistenkongresses behandelt worden. Das Beste über die Theorie der Wanderungen schrieb Otto Bauer: „Proletarische Wanderungen", „Neue Zeit", Berlin, 25. Jahrgang, Bd. 2, 1006/07. p. 476. Tatsächliches Material — allerdings auch nur unter Einstellung auf rein proletarische Interessen — sind die Abhandlungen von Josef Diner-Dönes; „Auswanderung und Einwanderung in Ungarn", in domselben Band der „Neuen Zeit", p. 621, und von Max G run wald : JDieJ fremden Arbeitskräfte in Deutschland und die preußisch-deutsche Gesetzesnnd Verwa!tung3praxiö" ibid. p. 581. Die Frage des Schutzes der ein-

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