Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 6 (25.12.1918)
- Article
- Zur Lage der Juden im ehemaligen Donaureiche
- Date
- 1918-12-25
- Page
- Seite 117 (sequence 3)
- Language
- German
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115 Den jüdischen Militärärzten im Staatsa-mte für Volksgesimdheit wurde anläßlich der allgemeinen Angelobung die Abnahme des Eides verweigert. Eine Reaktion gegenüber dem fortschreitenden Antisemitismus unter den verschiedenen Nationalstaaten bildet die mit Riesenschritten sich vollziehende Nationalisierung der Juden innerhalb der neugebildeten Nationalstaaten. In Mähren und Schlesien sind die Kultusgemeinden ins Lager der Nationaljuden übergegangen und haben das na t i o n a 1 j ü d i s ch e Programm angenommen, c In Galizien sind an die Spitze einer Reihe der größten Kultnsgemeinden zionistische und poalozionistischo Führer getreten. Die Leitung der jüdischen Kultusgemeinde hat ein Komitee übernommen, an dessen Spitze die Präsidenten des jüdischen Nationalstes Dr. Michael Ringol und Dr. Leon Reich stehen. Die Leitung der P r z e m y s 1 e r Kultusgemcinde fiel dem poalezionistischen Führer Dr. Max R o s e n f e 1 d , die der Kultusgemeinde 'Ncusandoc den zionistischen Parteiführern Dr. Silbermann und Dr. Syropp zu. Janoch mehr: in ganz Ostgalizicn haben die Kultusg e meinden sich vom Assimiiantum getrennt und das nationaljüdische Banner entrollt. Noch überraschender als in Galizien ist die Wandlung der Geister in Ungarn, wo bisher die Juden nicht nur die verbohrtesten Vertreter der Assimilation, sondern auch des Verbohrtesten des magyarischen Chauvinismus, waren und nun in Nord-Südungarn und Siebonbürgen die traurigen Konsequenzen ihrer bisherigen wahnwitzigen Politik an ihrem Leibe fühlen — in einem ihr Leben und ihren Besitz bedrohenden Antisemitismus der bisher geknechteten Nichtmagyaren. Auch hier beginnen sich die Juden auf nationaler Basis zu organisieron. In Siebenbürgen hat sich ein J ü d i s c h e r N a t i o n a I r a t, in Budapest eine jüdische Sozialdemokratie konstituiert. So zeigt es sich, daß — wenn auch sehr spät — doch in zwölfter Stunde die Juden des ehemaligen Donaureiches sicli enger aneinanderschließen, um ihre traurige Lage zu verbessern. Die Wirkungen der jüdischen Wanderungen*) Von Dr. Wlad. W. K apl un-Kogan, Berlin. 1. I m A u s w a n d e r u n g s 1 a n d e. *ie merkwürdigen Prozesse, die im jüdischen Leben vor »ich gehen, erscheinen uns, die wir mitten in der Gegenwart stehen. _ _ nicht in der Bedeutung, die ihnen an sich innewohnt. Es fehlt uns che nötige Distanz; denn weder den Zusammenhang der Geschehnisse, noch die Folgen und Wirkungen können wir in ihrem ganzen Die nachfolgende Darlegung bildet einen Auszug aus dem letzten AI>- sclmitt einer demnächst im Verlage von A. Marcus & E. Weber in Bonn erscheinenden Arbeit des Verfassers: „Die jüdischen Wandorungen in dor neueste]i Zeit (1880—1914)". D. Red.