Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Der Dualismus in der Judenfrage
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 78 (sequence 2)
- Language
- German
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76 matäk. Bisher nur dem national-staatlichen Leben anderer Völker gegenübergestellt, das jüdische Volk aber in seiner Gesamtheit umfassend, findet die Diaspora nunmehr ihren Gegensatz innerhalb der Judenheit selbst und tritt so mit erneuter Kraft ihrer ewigen Grundfragen vor uns lind heischt Antwort. Gerade die jüngste und gegenwärtige, weitverbreitete Geistesbewegung im Judentum, die ich als die romantische bezeichnen möchte, die dem Zionismus eine breitangelegte Ideologie unterzuschieben sucht und völlig nach dem Orient „orientiert44 ist, scheint mir aber das sich aufdrängende Problem zu ignorieren. ,;Die Krisis des europäischen Nihilist mus — heißt es z. B. bei einem der gedankenreichsten Vertreter dieser Bewegung — erleben wir Juden mitsamt dem übrigen Europa. Seine Zweifel sind auch unsere Zweifel, sein Bedürfnis nach einer neuen Rechtfertigung der Welt oder nach einer neuen Religion ist unser Bedürfnis . .. Seltsamer Kreislauf! Nachdem wir einen und vielleicht' den stärksten Anstoß zur Bildung des geistigen Europa gegeben haben, nachdem wir lange nur unterirdisch im Strom der europäischen Entwicklung - mitgeführt wurden, nachdem wir endlich zum modernen Europäismus erwacht sind und aus ihm die Kraft "zur nationalen Wiedergeburt gesogen haben: stellen wir uns nun, als letzte Konsequenz europäischer Lehren, entschlossen außerhalb Europas. Wir werden hypereuropäisch, und zum zweiten Male im Laufe der Weltbegebenheiten geht von Judäa das Heil aus"1). Der Führer der Bewegung aber, Martin Buber, stellt die jüdische Religion als den ., Typus der „großen asiatischen Religionen" hin, der Jude selbst repräsentiert für ihn „den motorischen (d. h. nach ihm orientalischen. E. H.) Menschentypus, in seiner reichsten Ausprägung" und „alles, was vom Orientelen gesagt, gilt mit besonderer Deutlichkeit vom Juden" 2). In seine Fußtapfen treten dann auch seine treuen Anhänger und schildern uns „Ben Geist des Orients", „Den Juden als Orientalen" s) u. s. f. Dio lebendige Verkörperung des ihm vorschwebenden Menschentypus findet aber Martin Buber im osteuropäischen Chassid, in dem er unverkennbare „asiatische Gewalt und asiatische Innerlichkeit4'4) sieht: ja, er hat den Chassidismus auf ein Piedestal gestellt, ihn zu einem Kultus des Judentums schlechthin erhoben, und jede Einzolheit, die er vom Leben der großen Chassiden erzählt, wird von seinen Getreuen mit Andacht aufgegriffen und wie ein Kleinod bewahrt. Es verlohnt sich wohl, diese ganze Theorie, diesen ganzen, heute das ideelle Feld behauptenden Begriffskomplex einer kritischen Analyse zu unterziehen, wenn dies auch im Rahmen dieses Aufsatzes nur kurz geschehen kann; denn die Grundgedanken, die sich uns hierbei auf- 1) „Wir und Europa" von Moritz Golds tein in der Sammelschrift „Vom Judentum", Leipzig 1913. Druck von mir gesperrt. 2) „Vom Geist des Judentums44, Leipzig 1916, S. 9 ff., bes. S. 16, 22 * (Kap. I „Der Geist deo Orients und das Judentum".) 8) S, d. zitierte Sammelschrift S. 5 9 ff, «) 1. c. S. U.