Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 3-5 (10.11.1918)
- Article
- Das tätige Wesen
- Date
- 1918-11-10
- Page
- Seite 66 (sequence 1)
- Language
- German
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Das täfige 'Wesen' Eine Einführung in. das jüdische Problem. Von Dr. RudolfKayser, Berlin. L ^SOTon allem, was der Orient gen Westen sandte, blieb' nichts um- IlöK strittener als die Judenheit. Eine Nation, getreten'und gehaßt ISl'^EI und 'doch lächelnd im Bewußtsein eigener Erhabenheit; ein hohes Volk der Beter und doch wie kein anderes der Wirklichkeit zugewandt; eine Gemeinschaft größter Aktivität in seinen Individuen, in seiner Gesamtheit aber passiv und jeder Gewalt preisgegeben. Im Laufe der Geschichte manifestiert sich das jüdische Wesen in den verschiedensten Formen. Es kann kein Zweifel darüber bestellen, (laß diese wechselnden Offenbarungen durch die wechselnden Zeitläufte bestimmt sind. Wir müssen glauben, daß innerhalb der verschiedenen Konstellationen die jüdische Idee vor veränderte Aufgaben tritt. Das Eingreifen jeder Gemeinschaft in die Welt geschieht zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Punkten. Es macht ihren politischen Wert aus, diesen Eingreifspunkt nicht zu verfehlen. Viermal in der Geschichte nimmt das Judentum große Missionen auf seine Schultern. Viermal steht es an Wendepunkten des menschlichen Geistes, mit einer besonderen Aufgabe betraut. Muß es da nicht ein sinnloses Bemühen sein, sein Wesen in eine ewige Formel zu spannen? Muß es nicht würdiger sein, es nach den Tatforderungeii einer Zeit stets neu zu formulieren? Man wird das einsehen, wenn man die verschiedenen Manifestationen des jüdischen Wesens verfolgt. Die erste Tat Israels vollzieht sich im Geiste und Räume des Orients. Wir sehen diesen als eine Einheit an, die Hokusai und egyp- •ti&ehe Hyroglyphen, Taoismus und Veda, Buddha und Zarathustra umschließt. Das Gemeinsame östlichen Geistes ist die' ethischteleologische Ordnung, die Setzung eines höchsten sittlichen Zwecks. Hierin beruht der nie verwischte Gegensatz zum Westen, der das Seiende verstehen will: aus Gründen und Ursachen, denen kein Ethos gebietet. Die Gottheiten des Ostens sind herrschend nicht aus angeborener Macht, sondern aus der Idee, die sie verkörpern. Sie sind nicht nur Schöpfer, sondern auch Ziel der Welt, nicht nur Kausalität, sondern die oberste sittliche Idee. Der iranische Gott Ahura Mazda wird nicht nur der „Anfängliche" genannt, sondern auch „des Rechtes wahrer Schöpfer" und „des guten Sinnes Vater". Der Charakter des taoistischen Menschen soll der der Weltscele sein, der er entnommen ward. Das Atma des Veda strebt zum Brahma als Grund und Bewußtsein der Welt. Der orientalische Mensch ist teleologisch im Gegensatz zum kausalen Europäer; er ist Ethiker und jener Erkennender. Denn der Europäer sucht nach Mothoden, sich in dieser Welt . zurechtzufinden; er «will die Wahrheit. Deswegen kann ihm auch das