Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 2 (25.10.1918)
- Article
- Wie die Polen Majoritäten schaffen!
- Date
- 1918-10-25
- Page
- Seite 31 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dieses Vorgehen hat sich in letzter Zeit zur Androhung des Wirtschaftsboykotts verstärkt, nachdem die Friedenskonferenz vor der Tür steht. Denn die Polen erklären schon heute, daß sie denjenigen Teil der fremden Nationalitäten, der sich nicht für polnisch erklärt, im Falle späterer Beherrschung des Landes von allen Lieferungen, Käufen usw. nach Kräften ausschließen werden. Als besonders eifrig und rücksichtslos erweist sich dabei der polnische Großgrundbesitz des Wilnaer Gebiets. Die- Folge davon ist naturgemäß eine Verängstigung der wirtschaftlich schwachen und vielfach von dem polnischen Großgrundbesitz und den Stadtverwaltungen abhängigen Minoritäten, die immer noch lieber ihre nationale Eigenart aufgeben, als wirtschaftlich zugrunde gehen wollen. Man sieht an diesem Beispiel, daß die gut gemeinten Ideen Wilsons vorn Selbstbestimmungsrecht der Völker nur dann von Wert sind, wenn die kulturelle Höhe der abstimmenden Völkerschaften wenigstens ungefähr die gleiche ist und wenn nicht der eine Teil durch die überragende Stärke seiner Wirtschaftsposition den anderen vollständig beherrscht. Ist dies nicht der Fall, ist die soziologische Schichtung ungünstig, so erweisen sich die von Bismarck sogenannten „gottgogebenen. Realitäten4' als ausschlaggebend,, und der nationale Eigenwille wird gebrochen. Wilna ist in Wirklichkeit keine polnische, sondern eine jüdisch« Stadt. Dies vor aller Welt festzustellen und daraus die nötigen Schlüsse zu ziehen, ist Sache der jüdischen Öffentlichkeit. Kommt Wilna unter polnische Herrschaft, so wird das in Wirklichkeit etwa 52% der Gesamtbevölkerung ausmachende Wilnaer Judentum ebenso gewaltsam polemisiert, ebenso wirtschaftlich zurückgedrängt und politisch zur Ohnmacht verurteilt werden, wie dies in den galizischen Städten der Fall gewesen ist. Die Vertreter des jüdischen Volkes auf der Friedenskonferenz werden ihren ganzen Einfluß dafür einsetzen müssen, daß den Juden — wie übrigens auch den anderen Minoritäten des Wilnaer Gebiets, den vielleicht noch ohnmächtigeren Weißrussen und Litwinen — eine Vergewaltigung erspart bleibt. Wilna gehört zu Litauen, dortbin strebt die Mehrheit seiner Bevölkerung, die insgesamt zwischen 00 und 65% ausmacht. Kann es aber nicht mit Litauen vereinigt werden, so bleibt nur die Rückgabe an das hoffentlich baüd von den Bolschewisten befreite Russische Reich. Gesdiiditsirrtumer *) Von Dr. Felix Goldmann, Leipzig. Sjf^s ist begreiflich, daß jede geistige Bewegung, zumal in der Zeit, da sie um die Anerkennung kämpft, sich zu rechtfertigen vertdüSSS sucht, indem sie ihre Verknüpfung mit einem Bestehenden erweist. Es handelt sich dabei um mehr als das Gefühl des Parvenü, der *> Die Ausspruche über den Aufsatz von Herrn Dr. Schlesinger „Zionismus und die messianische Sendung14, der auch in den Kreisen unserer L"ser viel Beachtung gefunden hat, schließen wir mit der nachfolgend*)) Abhandlung von Herrn Dr. Goldma n n. Kfd.