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Neue jüdische Monatshefte · 1918-10-25 · Heft 2 (25.10.1918) · p. Seite 30

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 2 (25.10.1918)
Article
Wie die Polen Majoritäten schaffen!
Date
1918-10-25
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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30' sichtigen. Die Steuerlast wird hauptsächlich auf die nichtpolnische Bevölkerung abgewälzt, die bürgerlichen Gegenleistungen aber, die Verteilung von städtischen Unterstätzungsgldeern, alle Wohlfahrtsinstitutionen usw, kommen hauptsächlich der polnischen Bevölkerung zugute. Dabei werden die Städte nach auswärts hauptsächlich durch •Polen repräsentiert, die dadurch auch in staatlichen Angelegenheiten ihren Einfluß zur Geltung bringen können. Und da die Rücksichtslosigkeit der polnischen chauvinistisch-nationalen Elemente ihresgleichen .sucht, gilt jedes Mittel für gut, um die Polonisierung zu fördern. Aber selbst da, wo die Polen nachgewiesenermaßen in der Minorität sind, wird alles darangesetzt, um die Minorität zur Majorität zi^ erheben. Die Entwicklung der Verhältnisse in W i 1 n a ist dafür ein schlagendes Beispiel. Volkszählungen haben im zaristischen Rußland zu den größten ' Seltenheiten gehört; sie wurden überdies in so oberflächlicher Weise vorgenommen, daß die Bevölkerungsverhältnisse selten mit Klarheit festzustellen waren. Eine Klärung der Wilnaer Verhältnisse brachte die erste Dumawahl, die nach streng demokratischen Grundsätzen stattfand. Zum Schrecken und großen Zorn der Polen wurde ein Jude gewählt — der bekannte Zionist Sokolow. Die Polen gingen darauf mit sich zu Rate, um die Wiederholung dieses Vorkommnisses zu verhindern. Und dies gelang durch Eingemeindung der um die Stadt herumliegenden Dörfer. Denn da die Juden auf dem Lande kein Wohnrecht hatten, mußte jede Eingemeindung naturgemäß eine Stärkung des polnischen Elements bedeuten. Waren doch die Litwinen — und gar die Weißrussen — ohne jedes politische Selbstgefühl. Die Eingemeindung veränderte die Walilverhältnisse so gründlich, daß bei der zweiten Dumawahl ein Pole unter wohlwollender Mitwirkung der nissischen Behörden gewählt wurde. Alß die deutsche Okkupation im Jahre 1915 die Stadtverwaltungen neu ordnete, verlangten die Polen wiederum die Eingemeindung umliegender Dörfer. Und als das arglose Oberkommando dies zugestand, wurden Ortschaften, die 7, 8 oder 10 km außerhalb der Stadt liegen, eingemeindet So ergab denn die erste, von deutscher Seite erfolgte Volkszählung, daß die Juden nur 43,5 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten, und bei der zweiten, etwa iy2 Jahre später unternommenen Volkszählung war der Prozentsatz der Juden noch etwas kleiner. Zu dieser "Erscheinung, hat beigetragen, daß viele Juden von Wilna geflüchtet waren, während umgekehrt viele Polen vom Lande in die Stadt zogen. Endlich haben die Polen das beliebte Mittel angewendet, die litauischen und weißrussischen Teile der christlichen Bevölkerung auf dem platten Land und in der Stadt durch wirtschaftlichen Druck zu bestimmen, sich bei der Volkszählung zur polnischen Nationalität zu bekennen, der sie in Wirklichkeit nicht angehören. Sogar bei einem, kleinen Teil der Juden hat die wirtschaftliche Abhängigkeit zu diesem Ergebnis geführt.

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