Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 24 (25.9.1918)
- Article
- Zur Geschichte der Wilnaer jüdischen Gemeinde
- Date
- 1918-09-25
- Page
- Seite 559 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908734-2911283--1989-2911303- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Zur Geschichte der Wilnaer jüdischen Gemeinde Von S. L. Zitron, Wilna*) (Schluß) B. Unter russischer Herrschaft Der Einmarsch der Russen in Wilna forderte gleich Judenopfer, An jenem Tage wurden im Stadtteil Zaretsche zahlreiche Juden niedergemacht, und viele erreichte das gleiche Schicksal außerhalb der Stadt. Welch frohe Hollnungen die Juden an die neuen Herrscher knüpften, geht aus der Verordnung hervor; der zufolge der Tag des 16. Ab (30. Juli 1794) als jüdischer Feiertag proklamiert wurde, an dem die Synagogen und Lehrhäuser in festlichem Lichte erglänzen, und gewisse Psalmen und dem Tage entsprechende Dankgebete gesprochen werden sollen. Im Januar 1795 wandten sich die Juden Wilnas an den Statthalter und Oberbefehlshaber des russischen Heeres Fürst Repnin mit Gesuchen, er möge sie von den städtischen und Bezirksgerichten und nicht von der Kompetenz des Magistrats abhängig machen; ferner baten sie um Befreiung von Gebühren für Schank- und Ladenkonzessionen. Begründet wurde das Gesuch mit der Angabe, die Juden wären in dea Revolutionsjahren wirtschaftlich sehr heruntergekommen. Diesem Gesuche wrurde folgender Bescheid: Die Juden bleiben im Genüsse der Rechte, die sie vor dem letzten Aufstande besaßen, sind jedoch von Steuerleistungen nicht zu bef reien, da dies allgemeine Bürgerpflicht wäre. Die Sondergesetze, die die russische Regierung bezüglich der Juden im Jahre 1804 erließ, hatte auf das Leben der Wilnaer Juden geringen Einfluß. Das einzig Neue war die den Juden gewährte Erlaubnis zum Besuche der medizinischen Fakultät der Wilnaer Universität, die bis dahin den Juden gesperrrt war. Die ersten jüdischen Absolventen der medizinischen Fakultät waren Joseph Rosenson, J. Kuschelewski und Josef Seuberling. Die freundliche Ealtung der russischen Regierung den Juden gegenüber kam auch im folgenden Umstand zum Ausdruck: Im Jahre 1796 richteten die Gabaim des Wilnaer „Bekur-Cholim" an die Regierung ein Gesuch um Befreiung der beiden vom Verein zun? Behufe der Errichtung eines Krankenhauses erworbenen Häuser von Immobiliensteuer. Dem Gesuch wurde umgehend stattgegeben. Als man im Jahre 1805 mit dem Bau des neuen (noch gegenwärtig bestehenden) jüdischen Krankenhauses begann, spendete Kaiser Alexander I. als erster zu den Baukosten 3000 Rubel; im darauffolgenden Jahrewurde von der Regierung verordnet, für die laufenden Ausgaben de?, Krankenhauses aus fiskalischen Bütteln einen jährlichen Beitrag von 2500 Rubeln zu gewähren. Viel hatte die jüdische Bevölkerung Wilnas im Jahre 1812 von den Franzosen gelitten. Abgesehen von der Niederreißung zahlreicher jüdischer Häuser durch das französische Heer, fiel auch der alte Friedhof, der den Viehherden der großen Armee als Weideplatz diente, dc-r *) Siehe „Neue Jüdische Monatshefte* vom 10. September 1018 Nr. 23