Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 23 (10.9.1918)
- Article
- Wachstein: Die Inschriften des Wiener Judenfriedhofes [Rezension]
- Date
- 1918-09-10
- Page
- Seite 550 (sequence 3)
- Language
- German
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550 1582 als erstes, sicheres Datum) bia 1670 umfaßt, sind es Italien, Deutschland, Böhmen, dann Polen, die ein großes Kontingent der Wiener-JudenheiÄ liefern, der IL Band, der mit dem kurzen Interregnum nach 1670, dem .Wiener „Gerusch", beginnt- und bis zut Auflösung dieses Friedhofes 17SS. währt, zeigt in erster Reihe die Invasion der großen Finanzkoryphäen und MSchtadlanim"aus Süddeutschland, sowie die der Ein- und Rüekeinwanderer aus Ungarn (Preßburg, Eisenstadt). Hier und dort sind es natürlich die großen, historisch bedeutenden Familien, die den Verfasser vor allem interessieren und deren Genealogie oft in diesem Buche zuerst restlos aufgehellt wird, So finden wir in Band I die Stammtafeln der Familie Rapa-Cohen (Rapaport), der Zoref- Golüschmidt, sowie der Gelehrtenfamilie Chalfan, im IL Band wird z. B. die Aszedenz und Deszedenz der von Wertheimer, Oppenheim, Simon Michl (Heines Urahn), Margolies-Jafa-Schlesinger, die Vorfahren und Nachkommen II. Airiba Egers, Austerlitz-Wolf u. a. ausführlich dargestellt. Jederzeit befleißt sich Wachstein der strengsten, objektiven Kritik sämtlichen Quellen und Vorarbeiten gegenüber; seine Darstellung ist im Ausdruck knapp, doch lebhaft, in 'seinen 2 Einleitungen aber —die behufs geschichtlicher Orientierung des Lesers v/oh! etwa3 mehr bieten könnten —, sowie in seiner Beurteilung von Zuständen und Zeitverhältnissen verrät er überall den philosophisch geschulten, gedankenreichen Betrachter der Geschichte. Der „Wachstein" wird 'weder von allgemein-jüdischen Historiker, noch vom der Kultur- und Familienforschnng je entbehrt werden können. Dr. ]Mhan Birnbaum, „Gottes Volk". Verlag R. Löwit, Wien und Berlin 1018. Preis geh. M. 1,20. Wir lernen um 1 Nachdem uns der Zionismus lange Jahro gelehrt hat, daß das Judentum ein Volk sei wie Jedes andere auch, erklingt heute eine andere Melodie. Die Eigenart des •ludontuius, sein „einzigartiger", religiöser Charakter kommt zu Ehren, und snan^verkündet, daß unsere Gemeinschaft ^etwas ganz anderes sei als andere Völker, mit denen es gar nicht verglichen werden könne.. So weit ist man freilich nicht, um zu erkennen, daß hierin nur eine Rückkehr zu jenem ewigen religiösen Judentum liegt, wie es viele Jahrhunderte in der Menschheit Geschichte lebt und wirkt. Vorläufig halten die modernen Verkünder eines religiösen Wesens der jüdischen Gemeinschaft ihre Entdeckung für etwas Erstaunliches und Nagelneues. Auch Birnbaum gehört zu ihnen. Mit einer geradezu leiden schaftlichen Gewalt predigt er — ein moderner Koheleth, der viele, viele Anschauungen gekannt, geliebt und wieder verworfen hat — die Rückkehr zu Gott, und jedes Wort beweist, daß seine Begeisterung kein Produkt der klügelnden Überlegung, sondern dio reine Sprache eines übervollen Herzens ist. Lächelnd verzeiht man den Übereifer des Neubekehrteny der 'da radikal verbrennt, was er angebetet hat und mit ungewöhnlich starken Ausdrucken das „Heidenjudentum" verdammt, ob es sich nun unter den Assimilanten oder unter den Nationaljuden findet. Ebenso wird man auch gern übersehen, daß Birnbaums neues Judentum im Gegensatz zum wahren Sinne unseres Glaubens eine Religion des Himmels ist, die mit dieser rauhen Erde, ihren Tatsachen und Forderungen nicht rechnen will. Denn trotzdem ist das Buch groß! Gewiß nicht für die Praxis, denn der vorgeschlagene Bund der „Aufsteigenden", der religiösen Adelsmenschen, ist ebenso als Organisation im Leben unmöglich,' wie er als Ansatz zu einer Sektenbildung unjüdisch ist. Aber wertvoll jst die Schrift als ein Zeugnis für die ewige Kraft des Glaubens, die auch den Widerstrebenden schließlich in ihren Bann zieht. Und wenn dem glühenden Worte Birnbaums die Tat folgt, deren zwingende Kraft der Ausgangspunkt einer Bewegung wird, so wird der positive Nutzen auch sichtbar werden. Hoffen wir, daß der kleinen Schrift eino solche Wirkung beschieden sei, und freuen wir uns indessen, daß sie die erste ausgesprochene — wenn auch vielleicht nicht beabsichtigte — religiöse Reaktion von nationaljüdischer Seite gegen die Verstiegenheiten darstellt, zu denen der Kulturzionismus und der Hebräismus in unseren Tagen gelangt sind. Dr< F> Goldmann-Leipzig v orun^vortllcn IDr die SchriMeitung und für den Verlag: Martin -Goetz, Bcrlln-Charlottenburg isaciuraw Oer Beitrage den Tageszeltungon mit genauer Quellenangabe gestattet. Gedruckt bei Julius Sudenfeld, Hofbuehdrucke*., Berlin W.