Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Die deutsche Frau im Orient
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 499 (sequence 4)
- Language
- German
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499 Mann um die Leitung der .häuslichen Dinge und der Familie, die er mehr und mehr den Händen der Frau überläßt Mit dein Eindringen, moderner Anschauungen vollzieht sich in der lebenden Generation ein Abbröckeln der alten Normen. Nicht immer sind die ersten Erscheinungen dieses Vorganges erfreuliche: Die Frau zeigt sich gern modisch geputzt in der Öffentlichkeit und' ahmt europäische Formen nach, ohne ihrem inneren Gehalt nahekommen zu können; der orientalische Jude andererseits ist dem freien Verkehr mit dem anderen Geschlecht moralisch noch nicht gewachsen. Aber allmählich lernt die Fvau doch, über ihren bisher eng umgrenzten Kreis 'hinauszusehen und sich dem öffentlichen Leben einzugliedern, zunächstauf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege. Bis sie wie die aschkonazische Frau, besonders in der modernen jüdischen Einwanderung in Palästina, Gefährtin, Freundin und Mitarbeiterin des Mannes ist, wird noch geraume Zeit vergehen müssen. Eine übereilte sprunghafte Entwicklung wäre hier vom Obel. Zu unvermittelt stehen noch die alte starre Abgeschlossenheit der orientalischen Frau und die hypermoderne Urtgebundenheit der jungouropälsohcn nebeneinander. Für radikale Gleichmacherei der Geschlechter ist der orientalische Jude, dem eine Tradition von Jahrtausenden zur Seite steht, nicht zu haben. Wo Sephardvm und Aschkenazim sich ehelich mischen, zeigt sich vorläufig im allgemeinen der sephardische Teil als der stärkere. Hinter ihm steht die Festigkeit von Sippe und Sitte gegenüber dem schrankenlosen, zersplitternden Individualismus. Für diejenigen, die an der jüdischen Erschließung des Orients gestaltend mitwirken, kann es nicht die Aufgabe sein, das Alte rücksichtslos niederzureißen. Es muß vielmehr in schonender Entwicklung de~n modernen Leben gewonnen und verbunden werden, damit das Ziel erreicht wird: ein inniges, -echt jüdisches, in sich gefestigtes Familienleben. Die New Yorker Jüdin Von Helene Hanna Cohn, Heppenheim a. d. Bergstraße. OTfÄ^rurz vor dem Kriege erschien in Amerika — und danach in einer 5|ytM Übersetzung in Deutschland — ein Buch, das aus mancherd 1113^! Gründen das Interesse von Volkswirtschaftlern und Pädagogen auf sich zog. In ihm schilderte eine Frau namens Mary Antin1) ihres Lebenslauf, der hier in den kürzesten Zügen angedeutet werden seil: Mit ihren Angehörigen kommt die Verfasserin als Kind aus einem polnischen Judenstädtchen, dessen Leben sie eingehend schildert, nach einem der großen jüdischen Zentren des amerikanischen Ostens. Während die Eltern sich unter den denkbar schwierigsten Verhältnissen in dem neuen Lande einzurichten suchen, besucht Mary die sehnsüchtig erwartete Volksschule. Dort macht sie frühzeitig die Erfahrung, daß. *) „Vom Chetto ins Land der Verheißung". Robert Lutz, Stuttgart. Preis broschiert Mk. 6,—.