Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Jüdinnen
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 483 (sequence 3)
- Language
- German
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trifft vielmehr das Milieu, das verkehrte Erziehungssystem, die Assimilation der Jüdin an eine Umwelt, in der sio' „exzellicren" muß, um sieb, überhaupt bemerkbar zu machen, meine Kritik gilt in diesem Buche vor allem der jüdischen Familie, der jüdischen Mutter (die wiederum ihr Gegenstück in der guten Mutter des Helden hat), dieser geschäftigen Kupplerin ihrer Töchter, dieser Beschickerin der Heiratsmärkte, dieser absoluten Mißversteherin ihrer Kinder, Irenes verbildete Geistigkeit, das jammervolle Existieren ihres Freundinnenkreises sollte in meinem Buch als Produkte, dieser traurigen, spezifisch westjüdischen Verhältnisse dargestellt werden. Kein einziger Kritiker hat das bemerkt. Wie laut muß man denn eigentlich schreien, um gehört zu werden! Und doch steht alles in dem Buche, nicht etwa zwischen den Zeilen, sondern ausdrücklich mit folgenden Worten, die freilich niemand, niemand gelesen zu haben scheint. Irene spricht selbst (Seite 175 der Neuausgabo, die an dieser Stelle nicht, sonst aber vielfach verändert ist), sie sagt zu Hugo: „Sie staunen, Sie wissen nicht, daß jedes dieser Mädchen, - d i e Sie da klagen sehen,ein verkanntes Genie i s t. Jede beklagt ihr Genie, das nutzlos zugrunde geht, ohne, in Wirksamkeit getreten zu sein« Jede nämlich, und wenn Sie es4hr noch so ' wenig ansehen, könnte so glühend, so zärtlich, so mit ganzer Seele lieben, die feinsten Seiten ihres Ich entwickeln. Aber die Weit verschmäht ihr Anerbieten, das ist es.. . Ja, lieber Hugo, Sie wissen nichts von der Tragik'ein es Familienmädchens von*heute. Wie sie im Schoß der Familie aufwächst, gleichsam behütet und umstellt von allen Angehörigen — und doch ist sie schon während ihres Aufwachsens dem härtesten Daseinskampf ausgeliefert. Das eben ist der Schwindel. Diese scheinbare Geborgenheit und dieser wirkliche Kampf. Wer wird für sie sorgen, wenn sie keinen Mann bekommt! Und dabei muß doch immer der Schein der Sicherheit, des trauten Familienlebens ohne Angst gewahrt werden. Und eben dadurch, das ist das Schreckliche — ist das Mädchen nur passiv diesem Kampf ausgesetzt, aktiv aber darf sie nicht eingreifen. Das hat sie dem Schutz ihrer Angehörigen zu verdanken: daß sie sich selbst nicht schützen darf, nichts erkämpfen darf. Aber mehr als dieses Negativum bietet ihr dieser Schutz nicht u. s. f."--Man sieht, ich habe eine Satire auf die jüdische Familicner/Jehung geschrieben, nicht auf die jüdische Frau. Ich glaube an die jüdische Frau'. An die Frau, die nicht mehr von dem Tabu hypnotisiert ist, daß sie sich „nichts erkämpfen darf". So sind auch die Heldinnen meiner folgenden Bücher, von der Olga der „Jüdinnen" ausgehend, insgesamt Kämpferinnen, und ich bemerke soeben zu meinem eigenen Erstaunen, daß ich in der „Ketterin" wie in der „Esther" das Erwachen der Frau beidemal an die Tatsache geknüpft habe, daß sie sich den beengenden, sinnlos gewordenen Traditionen ihrer Familie durch die Flucht entzieht. Es ht die Flucht aus Westeuropa in ein neues Menschheitsideal. Auf dieser Flucht werden jüdischer Mann und jüdische Frau einander begegnen, einander finden, ...