Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Rahels geistiges Wesen
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 477 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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hat. Was uns in der heutigen Welt am tiefsten erschüttern muß, ist auch das tiefste Leid ihres Lebens gewesen: wie wenige Menschen überhaupt Wahrheit wollen. Denn sie zu finden, ist gewiß schwer, für uns über die Maßen; Generationen werden an der Bitternis des Bösen und Falschen trinken, das unsere Zeit auf den reinen Kelch der Wahrheit gehäuft hat Aber wenigstens wollen müssen wir die Wahrheit, wenigstens wollen den reinen Grund unseres Menschentums; suchen sehnsüchtig und rastlos, was nie, so lange die Welt steht, einer Zeit schwerer zu erreichen war als der unsern. Dies darf uns nicht einschläfern, müde machen, sondern muß uns erst recht erwecken. „Höhere Geschöpfe, Wesen," sagt Rahel,t „leiden gewiß noch mehr, vermissen mehr und müssen ihr Glück immer mehr selbst machen. Ja, ich kann mir. Regionen denken, wo die Wesen nur anderer Glück bereiten und Unglück abwenden. Ist es nicht hier schon so? Das Reinste geht in etwas über, was für uns Nichts wird." Für uns Nichts; dies wird auch das Teil derer sein, die in unserer Zeit die Arbeit für das Gute und Wahre nicht niederlegen, und so soll es sein. Aber so furchtbar hat man unsere Welt umgekehrt, daß man dies Letzte, auf das immer nur die erlesenen Geister, die erwachten Herzen hinzublicken.und hinzuleben vermögen: das Opfer des Selbst, die absolute Entsagung, die nur noch des andern Glück, des andern Vollendung sieht, von dem Teil der Menschen verlangt, der kaum noch angefangen hat, zu seinem eigenen Selbst zu erwachen; während die Bewußten und Leitenden nach sehr anderen Zielen blicken als nach jenem reinsten, wo für sie das Nichts beginnt. Indem so das Höchste in den Dienst des Niedern gestellt wird, statt umgekehrt, ist jene hoffnungslose Verwirrung entstanden, die auch dem Mutigsten immer wieder den Kelch aus der Hand schlägt,-von dem er bereit ist, die Bitternis mit abzutrinken. . Das reine Antlitz Rakels aber, der edelsten Deutschen und der edelsten Jüdin, soll uns wieder dazu zurückrufen. Und das von ihr so sehr geliebte Wort Saint-Martius: „N'oublions jamais qu'on veut ici notre purification et non pas notre pertel" mag uns zu dem einzigen, nur durch uns selbst zu erreichenden Trost aufrufen: daß wir die Arbeit leisten sollen, die aus dem, was die Menschheit zu vernichten droht, am Ende doch noch ihre Reinigung macht. Ein sehr schönes Bild von der Rahel gibt, die Sammlung ihrer Brvrtfe: „Rahel in ihren Briefen", die im Verlag von S. Kiepenheuer erschienen siüd. Die Westjüdin und die Idee : Von Oskar Baum, Prag.. fM^ffian müßte am Menschen verzweifeln, wenn er für sein Wesen W;|te£^ und Tun vollkommen verantwortlich wäre, und man müßte W&^i an ihm verzweifeln, wenn er dafür garnicht verantwortlich wEre. Wenn ich von der jüdischen Frau sprechen soll, kann ich nur dio Westjüdin meinen. Man sagt mir, daß die Ostjüdin anders seh Und