Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 20-22 (25.7.1918)
- Article
- Die Religiosität und die jüdische Frau
- Date
- 1918-07-25
- Page
- Seite 463 (sequence 5)
- Language
- German
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463 wenn nun ihr weibliches Wesen dem Schaden dienen muß. Ich bin vielmehr überzeugt, daß die Schuld auf das ganze Volk zurückgeht, das — seiner Größe und Würde, seiner Auserwähitheit vergessend — an die freie Phrase sich wegwirft, und daher, sofern der Mann als das Urheber-Element anerkannt wird, das die geistigen Wege sucht und einschlägt, sucht und ändert, auf den Mann selbst, auf den jüdischen Mann. Hätte er nicht versagt, hätte er nicht anfänglich selbst den Keim der Irreligiosität in das Gemüt der jüdischen Frau gepflanzt, sie wäre niemals dazu gekommen, ihn mit so viel Früchten aus diesem Keim von Sünde zu Sünde zu verleiten. Von demslben Gesichtspunkt aus betrachte ich auch die Heilungsfrage, soweit man in solchen Dingen von Heilung sprechen kann. Gewiß darf — in Ansehung der besonderen Tragweite weiblicher Irreligiosität — kein Versuch unterlassen bleiben, von dem man sich unmittelbare Wirkungen auf die Frau dahin verspricht, daß sich ihr Eterz wieder Gott und seiner Lehre, Israel und den göttlichen Geboten, die sein Volksleben regeln, erschließe. Aber — abgesehen davon, daß ja doch auch schon das Anstellen solcher Versuche den Willen der jüdischen Allgemeinheit, den Entschluß des jüdischen Mannes voraussetzt — Hauptsache bleibt doch die Tat in Ansehung des Ganzen, eine Erfassung des Problems an der Wurzel, an dem Ausgangspunkte der Sünde. Wenn man mir nun aber etwa sagt, daß dieser Ausgangspunkt durch die heutigen politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse und durch den „heutigen Stand der Wissenschaft" gegeben, daß also die Religiosität, die ich meine und die ich als die einzige, echteste, kräftigste und innigste für jeden jüdischen Menschen empfinde, nicht mehr möglich sei, so bestreite ich dies ganz entschieden, so verlange ich einen mutigen, praktischen Vorstoß gegen diese Anschauung, so fordere ich die Sammlung und Mobilisierung der im jüdischen Volke, namentlich in der Ostjudenheit, Gott sei Dank noch immer sehr starken Geister des Widerstandes gegen die vermeintliche Überja Allmacht der Welt. Und ich bin sicher: Wenn es nur zahlreiche jüdische Männer geben wird, die es verstehen werden, sich gegenüber den Dingen der Welt und dem Geiste der Zeiten nicht mehr auf unnütze Verneinung zu beschränken, sondern sie mit starker Hand dem Gebote des ewigen Gottes dienstbar zu machen, dann wird ohnehin auch die Irreligiosität so vieler, vieler jüdischer Frauen ihr Ende nehmen, dann werden sie mit ihrer ganzen mächtigen, fruchtbaren Zähigkeit wieder auf der Seite stehen, die sie nie hätten verlassen sollen. Wer die jüdische Frau begreifen will, muß zu allererst die biblischen Frauengestalten in ihrer Ganzheit richtig verstehen. „Das Buch Ruth" ist in einer hübschen Ausgabe der Inselbücherei erschienen, desgleichen das „Buch Judith". Das übrige — und vor allem alles, was von der Esther, handelt — lese man in der Bibel selbst--. Von der jüdischen Frau des 17. Jahrhunderts berichten wundervoll die klassischen „Denkwürdigkeiten der Glückel von Hammeln", die der Jüdische Verlag in Berlin herausgegeben hat.