Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 19 (10.7.1918)
- Article
- Die Stimme des Bruderblutes
- Date
- 1918-07-10
- Page
- Seite 438 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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/ . •.• Sjr - ■ . .;__;__ ' ... / aus den Gebieten Asiens kommt die Kunde gewaltsamer Judenbekehrungen zum Islam. In Beßarabien feiern die Rumänen ihren „Siegeszug" mit jüdischen Blutopfern. In Galizien endlich wüten polnische Horden ungehemmt, Raub und Totschlag in die Judengassen tragend. In Warschau und in Lodz aber, wo die abscheuliche Tat, von starker Hand niedergehalten, nicht gedeihen will, macht sich der Blutrausch in öffentlichen Aufrufen und Aufforderungen sum Judenmassaker Luft; an den Hituserinaucrn prangen sie da tagelang, zu Sühneopfern für alle Unbill und allen. Groll, für alle Not und Elend der Zeit mahnend. Opfer, Menschenopfer unerhört! Was soll Märtyrerblut in einer Zeit, da Heldenblut in Strömen Hießt. Das Weitgewissen versinkt in todosähnlichen Schlaf. Die Welt, vor Jahren Über die Greuel von Kischinew, ein Kinderspiel im Vergleich zum gegenwärtigen Geschehen, empört und erschüttert, verharrt heute in Stumpfsinn. Ais wäre ihr Ohr für die Stimme des Bruder-, blutes taub geworden. Und wir, in deren Adern diese Stimme in tausend Qualen widerhallt, was sind wir? Was sollen wir? Schwach ist unsere Hand zur Tat, in tausend Banden ist unser Wille geschlagen. Erkennen wollen wir aber den Siiui dieses Sterbens, deuten*7 das Geheimnis dieses Todes. Denn nicht wie jeder Tod ist dieser Tod, nicht wie jedes Leben dieses Leben. „Sinnlos ist ihr Sterben, wie ohn' Sinn ihr Leben", klagt der Dichter der „Irha-harega". Nein, dieser Tod birgt einen großen, einen gewaltigen Sinn. Deren Leben stumm und kraftlos war, reden im Tode mit der Posaune des Weltgerichtes. Und ihr letztes Vermächtnis an uns, ihr letztes in Todesqual hingeröcheltes Wort, ihr Gebot an die Geschlechter: Ihr sollt stark werden. So mannigfaltig, räumlich und zeitgeschichtlich bestimmt die unmittelbaren Beweggründe und Anlässe dieses Ausbruches menschlichen Hasses bei Polen und Russen, Rumänen und Mohammedanern, Revolutionären und Gegenrevolutionären auch sein mag, — «ein seelischer Beweggrund, eine sachliche Voraussetzung ist ihnen allen gemeinsam: das Bewußtsein unserer Schwäche. Die Schwäche ist der Generalnenner des in der Fülle der Formen und Erscheinungen immer sich ■'selb**; gleichbleibenden Judenschicksals, Sie ist es, die uns in jedem Wetterleuchten der Geschichte zu Blitzableitern macht, im Gewühl der Leidenschaften aur willkommenen Zielscheibe aller bösen Triebe setzt. Wenn das Wort von der Mitschuld des Opfers am Verbrechen wahr ist, dann ist UBsere Schwachheit unsere Todsünde. Dann ist das diesem Ydke nachgesagte „Schuldbewußtsein" zumindest in einer Beziehung rci'Gchtfertigt. Unsere Schuld, unsere große Schuld ist der W i 1 le z u r Ohnmacht, der unsero ganze Diasporagesehichte beherrscht. Aus C'X^aÄo? Wurzel erwachst diese Schwachheit: Der Zersplitterung, der r.;:Mo3igkeit und der Selbstverleugnung. Nicht der Mangel bürger- I-dic::, die Aberkennung der Volksrechte hat uns jeden Ansehens r:::'l jeder Würde vor dem Antlitz der Menschheit beraubt. Hat uns zu-!:.;;Cv?icn> r.-;to:-polt, sum Freiwild geweiht Dem Kenner der Ober-. iZ:lo s&jjcn die Worte des holländischen Senators Van Col in einer