Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 17 (10.6.1918)
- Article
- Kleine Geschichten
- Date
- 1918-06-10
- Page
- Seite 408 (sequence 4)
- Language
- German
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Ich erinnere mich, als wäre es heute. Kaßriel, der Wasserträger, war gestorben und seine Frau folgte ihm bald. Es blieb ein. hübsch bissei Kinder zurück. Ohne Vater, ohne Mutter, ohne Winkel, ohne ein Stückchen Brot. Es war schrecklich. In der Stadt wurde es finster — finster ward es vor den Augen der armen Leute. „Diebe, Mörder, Räuber! Warum schweigt man? Wie kann man soviel Seelen hungern lassen! Warum tut man nichts? Wo sind unsere Reichen, unsere Wohltäter?„ Die waren durch ihre Geschäfte sehr in Anspruch genommen. Aber die Armen hörten nicht auf zu poltern und zu lärmen, bis man eines Abends beim Rabbiner zusammenkam .und beschloß, die Kinder an gute Leute zu verteilen. Da ging das Lärmen erst recht an. Anwärter für die gute Tat in Unzahl. Und nur sieben Kinder zu vergeben. Deutsch von Lotte H. Robinsohn mMMMMMm ■ Umsdiau ©(SGDEßDODüDilD ' Die Juden tinter der gegenvvi Die Juden nehmen im gegenwärtigen nachrevolutionären Rußland eine ganz eigenartige Stellung ein. Während einzelne Vertreter der russischen Judenheit in der gegenwärtigen Regierung eine hervorragende Rolle spielen und auf die Schicksale des Landes eine bestimmende Wirkung ausüben, während die Leitung der Staatsgeschäfte zu einem großen Teil in jüdischen Händen liegt, ist die bolschewistische Regierung im allgemeinen der russischen Judenheit als Ganzes genommen . nicht gerade sehr freundlich gestimmt. Es hängt dies teilweise damit zusammen, daß auch die russische Judenheit als solche, als Ganzes genommen, in der Person ihrer öffentlichen Institutionen und Parteiorganisationen sich dem Bolschewismus gegenüber ablehnend vorhält. Doch ist es sehr schwierig su ■ermitteln-, was hier Ursache und was Wirkung," was Grund und was Folge" ist. Ob die abweichende Haltung des Juden durch eine solche der bolschewistischen Regierung, oder' umgekehrt die letztere durch die orstere bedingt ist. Wie dem ...auch sei — wir begegnen hier einer sonderbaren und befremdenden Ernehoünung. Die Juden sind rechtlich und national der übrigen Bevölkerung völlig gleichgestellt und dabei in ihre? bürgerlichen Existenz nichts weniger. als üiclior. Sollte das bol- ■ echov/istischo Regime in Rußland einer anderen Rcgioningsform Platz n^ehen,- eo befürchtet man in Rußärägen Regierung Rußlands land für das Schicksal der Juden das schlimmste. In jüdischen Kreisen macht sich sogar die Meinung geltend, daß nach einem etwaigen Sturze der bolschewistischen Regierung sich über das ganze Land eine Pogromwßlle ergießen werde, dio in der Geschichte der nissischen Judenheit ohne Beispiel sein würde. Man sieht voraus, daß man die Juden wegen der aktiven Anteilnahme vieler jüdischer Vertreter an der bolschewistischen Regierung für die Fehler des Bolschewismus verantwortlieh machen wird. Das wäre vielleicht der Grund, weshalb die russische Judenheit in der Person ihrer offiziellen Vertretungen sich vom Bolschewismus fernhält. Dies alles findet seine Erklärung in dem Umstände, daß die bolschewistische Regierung, lediglich, uin die Befestigung ihrer Macht besorgt, sich bisher keine Zeit genommen hat, für dio Hebung des kulturellen Niveaus der Masse ausreichende und energische Schritte zu tun. Man kann nicht sagen, daß die leitenden Persönlichkeiten des .Bolschewismus dio Gefahr der Kultuiiosigkeit nicht einsähen und ihr nicht vorzubeugen suchten. Aber sie werden mehr geleitet, als sie leiten. Sie sind zu sehr die Gefangenen der Massen, die sie leiten wollen. Sio möchten allzusehr als Ausdruck der Stimmungen der Massen gelten, ohne zu bedenken, daß diese Stimmungen unsicher, momentan und schwankend sind und y sich für eine dauernde Grundlage