Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 17 (10.6.1918)
- Article
- Kleine Geschichten
- Date
- 1918-06-10
- Page
- Seite 406 (sequence 2)
- Language
- German
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Tauunä reifbedeckt stand der Berg. Wie Demanten blitzte der Keif, wie Ferien hingen die Tropfen. Rein und belebend ging die Luft. „Wißt Ihr was, Jungens?" schrie plötzlich einer von uns, „wißt Ihr was? Gehen wir auf den Berg Sinai!" „Wißt Ihr was, Kinder," rief noch einer, „gehen wir wirklich auf den Berg Sinai, wir waren noch nie dort oben!" Und wir krochen in höchster Lust auf allen vieren den Berg Sinai hinan, auf Händen und Füßen*' Als wir auf dem Gipfel anlangten und auf die Erde unter uns blickten, erschraken wir. So hoch standen wir, so klein dünkte uns die Erde. „Wo sind wir, Kind? Wo?" „Wo wir sind? „Unter den Wolken." „Unter den Wolken, sagst Du? Über den Wolken!" „Noch höher, noch höher. Unter dem Himmel!" , „Seht Ihr das Beth-Hamidrasch, Kinder?" „Kaum, kaum! Wie ein kleines Stübchen groß." „Wie ein Stübchen, sagst Du? Wie ein Tischlein.;- Wie ein Bänkchen!" . , „Wie ein Bänkchen? Wie die Gemarah! Wie mein Siddur!" . „Wie Dein Siddur? Wie ein Ei! Wie eine Walnuß!" \ „Wie eine Walimiß? Wie eine Bohne! Wie eine Erbse!". „Wie eine Erbse? Wie ein Mohnkorn! Eine Milbe . . . ein . . . ein Wir beschlossen, uns,, das Gesicht aufwärts gewandt, im Grase auszustrecken. Ich starrte unverwandt in den blauen Himmel, und meine Augen zogen den Himmel herunter, näher und näher, bis ich ihn ganz dicht über mir fühlte. So. nahe, daß meine Finger den kalten Himmel berührten, ihn antasteten und festhielten. Nicht nur die Augen waren im Himmel. Meine Seele, mein Herz, mein Körper, mein ganzes Ich war dort oben im Himmel. Ich war im Himmel und sah Engel mit ausgebreiteten weißen Fittichen, wie sie im weiten Blau flogen. Sie wiegten sich und .schwebten und blieben doch an einem Ort Aus ihrem Wiegen, und Schweben tönten seltsame Stimmen. Sie sangen leise. So schön und süß wie die Hohepriester samt den Leviten, wie die Orgel im Heiligtum in jenen Vorzeiten, von denen unsere heiligen Bücher erzählen. Ein sanfter, kühler Wind strich an mir vorbei. Er streifte kaum mein© Stirn und köstlicher Wohlgeruch aus dem Paradies strich über mich hin und "ich schloß meine Augen .... „In den Cheder, Ihr Lausbuben, Frechlinge, Straßenräuber! In den .Cheder, Ihr Bösewichter! Wartet Ihr Strolche, ich will dafür sorgen, daß der Robbe das Bänkchen bereitstellt! Ihr Müßiggänger, Ihr Taugenichtse, in den Cheder mit Euchl"- So schrie der Diener vom Beth-Hamidrasch, Eeb Jekuthiel der Schlimmes, ein böser Mann mit eingedrückter Nase und ewig qualmender -Tabakspfeife zwischen den" Zähnen. Und. im Nu waren wir vom Himmel auf. die Erde gestürzt. \ •■