Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 17 (10.6.1918)
- Article
- Die Wiederkunft des biblischen Motivs im jüngsten deutschen Drama
- Date
- 1918-06-10
- Page
- Seite 397 (sequence 2)
- Language
- German
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397 Dramas beweist es, in dieser Form geradezu die Vorbedingung (wenn auch natürlich keinerlei Bürgschaft) für ein großes Gelingen. Daß ein neu konstruierter oder aus dem Leben der Gegenwart geschnittener Stoff zu höchster Wirkung gelangt, ist seltene Ausnahme. Und das kann im Grunde auch nur jene flach gescheiten, im Grunde ganz unkünstlerischen Köpfe verwundern, denen der Sinneneffekt der Illusion und nicht die seelische Erschütterung des Gleichnisses Ziel der Kunst scheint. Das freilich nie — auch in der Orestie, im Hamlet, im Faust nicht —- restlos siegreiche Ringen eines neuen Dichters mit einem alten Mythos scheint eine tragische Grundbedingung der dramatischen Kunst zu sein. Vielleicht, weil sie die überlegenste, die am mindesten rein sinnliche, die philosophischste aller Künste ist und deshalb Gleichnisse von freiester und sicherster von der Tradition gleichsam schon entstofflichter Fassungskraft gebraucht. Das große Drama ist stete ein Produkt, dessen einer Faktor der ergreifende Dichter, dessen anderer der ergriffene Stoff ist. Eine dramatische Kultur hängt also zu einem sehr wesentlichen Teil von dem zu Gebote stehenden Stoffkreise ab. Für Hellas und für das Mittelalter waren das noch völlig fest umgrenzte, hier national dort religiös begrenzte Welten. :'Mit der Renaissance zerreißt der geschlossene Stoffkreis. Die gefährliche Freiheit und Notwendigkeit der Wahl zwischen den verschiedensten Welten beginnt. Uns Deutschen hat bisher mehr als das Bemühen um den zu lange verschütteten altgermanischen Grund unserer Kultur die Versenkung in don Hellenischen Mythos, der doch mindestens der Oberschicht des Volkes seit Jahrhunderten vertraut ist, Frucht getragen (Iphigenie, Prometheu?. Amphytarion, Penthesilea, Medea, Gyges). Aber seit mehr als einem Jahrtausend leben die Deutschen ja schon mit den altjüdischen Mythen der Bibel zusammen! Und an Versuchen, hier die weittragende Resonnanz für einen großen inneren Klang zu gewinnen, hat es im deutschen Drama selbstredend nicht gefehlt. Der Gewinn aus den zahllosen Versuchen war freilich bisher erstaunlich gering. Hebbels „Judith", Grillparzers Esther-Fragment, Otto Ludwigs „Makkabäer'\ damit ist schon das wesentlichste hergezählt. Die Epoche des dramatischen Naturalismus, in der man eine Zeitlang ganz ohne historischen Mythos auskommen zu können meinte, und danach die der sogenannten Kcuromantik, die eine zärtliche Vorliebe für das mittelalterliche Kostüm hatte, schienen dann diese Bemühungen völlig zu unterbrechen. Aber seit etwa einem Jahrzehnt ist es merkwürdig anders geworden. An allen Ecken und Enden beginnt sich im deutschen Drama die Hinneigung zum biblichen Motiv zu zeigen. Es vergeht kaum ein Monat, ja kaum eine Woche, in denen ich nicht gedruckt oder geschrieben einen neuen „Moses", „Said" oder „David" in Händen halte. Und wenn auefi das einzelne Produkt dieser selbstredend großenteils dilettantischen Bemühungen fast nichts bedeutet, die so einheitlich auftretende Tendenz der ganzen dunklen Masse beweist doch etwas. Und einzelne Ansätze von bedeutsamer menschlicher und künstlerischer Kraft fehlen denn auch in dieser Richtung keineswegs ganz. Vor dem